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Donnerstag, August 23

Footgang - Tacoma EP


Kurzinfo:

Geschlagene sechs Jahre ist es her, als wir letztmalig von der Footgang berichteten, damals etwas ausführlicher als eine Art Diskografie-Post zu den auffindbaren Releases der Band. Schon zu dieser Zeit machte sich die Band sehr rar und lehnte sogar Label-Angebote ab. Dabei hätten ihre Alben "Trashcam Cyberdolls" (2008), "Warson Hells" (2011) und vor allem ihre wahnwitzige EP "Paralyzer" (2010) ein offizielles Release mehr als verdient, war die Band mit ihrem unberechenbaren Stil hierzulande schier konkurrenzlos. Dass sie mit "Paralyzer" an den Redaktionstoren der Visions anklopften, die ihre EP dann folgerichtig zur "Demo des Monats" der Ausgabe 222 kürten, war schon etwas überraschend. Ob es nun an der eigenen Bequemlichkeit, internen Differenzen oder schlichtweg an unpassenden Vertriebspartnern scheiterte, weiß ich nicht. Erstgenanntes wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass mich die Band bereits seit Jahren auf die Frage nach käuflich zu erwerbende, selbstproduzierte CD-r-Releases hinhält oder ignoriert. Aber gut...

Im Jahr 2016 angekommen, hauen Footgang ohne Vorwarnung und spärlichen Vorabaktivitäten eine neue EP raus, die somit schonmal einer vorprogrammierten Erwartungshaltung einen Riegel davorschiebt. Nach der amerikanischen Küstenstadt "Tacoma" benannt, sollten typisch-hafenstädtische Themen wie Besiedlung und Vertreibung, ur-stämmiger Aberglaube und Industrialisierung eigentlich die richtige lyrische Basis bilden für den musikalisch-grenzenlosen Raum der bayerischen Band.
Der Opener "Failed" steigert behutsam die Spannung, sodass noch nicht so recht zu erkennen ist, in welche Richtung die sechs neuen Songs ausschlagen. Und vielleicht ist es ja eben die selbstgegebene Freiheit, dass die folgenden 3½ Minuten, die beiden darauffolgenden Tracks sowie der Closer "The Wisenheimer", die wohl eingängisten Stücke der Band geworden sind, seit ihrer Gründung im Jahr 2001 (auch, wenn ich nicht alle Stücke kenne). Von gelegentlichen progressiven Ausreißern der Gitarren abgesehen, suhlen sich diese Songs im fast schon herkömmlichen Beatdown, Metalcore und Downtempo-Hardcore. Und auch wenn es irgendwie falsch klingt, muss ich beim Hören der EP nicht selten an Slipknot denken, denn dem früher zitierten und chaotischen Dillinger-Escape-Plan- oder progressiven Fall-Of-Troy-Wahnsinn. Der ausdauernde und düster-atmosphärisch ausklingende Titeltrack, der sehnsüchtig mit einem "Show Me The Way To Go Home"-Bandchor einstimmt, bleibt in der ganzen Routine vielleicht am ehesten im Hinterkopf hängen.
"Tacoma" ist dennoch ein technisch-versiertes und tolles Werk geworden, auf dem die Band allerdings weitestgehend auf elektronische Spielereien, einer digitalen Glasur und dem ganz großen Wahnsinn verzichtet und die eigenen Aufnahmen roh belassen hat. Ob das nun ein neues Gesicht oder lediglich ein weiteres Experiment ist, bleibt abzuwarten.

Nach und nach haben Footgang ihre Releases (und mit Audrey Headburn auch das Solo-Projekt von Sänger Breuker) zum kostenlosen Download bereitgestellt. Hier für euch gesammelt:



Band: Footgang

Titel/Release: Tacoma/EP (Digital)

Label: DIY

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Hardcore, Metalcore, Progressive









Mittwoch, Juli 18

Footgang - Spaßband macht Ernst



2011: Ein haariges, in einem Raumanzug gequetschtes Großauge glotzt mich penetrant an. Die Lautsprecher zitieren eine Sequenz aus Planet der Affen. Ohne Vorwahnung preschen Gitarre, Bass und ein Drumgewitter drauf los, als gäbe es kein Morgen mehr. Dazu kotzt sich Sänger Patrick Breuker die Seele aus dem Leib. Noch ehe man den ersten Schreck richtig verdauen konnte, wechselt das Gebrüll zeitgleich mit dem Takt zu hysterischem Gekeife. Die E-Gitarre gniedelt frivol und drängt den Gesang in immer höhere Oktaven, bis sich schließlich alles überschlägt, keiner mehr weiß, wo oben und unten ist. Genau die richtige Zeit für einen bedächtigen Jazzpart, welcher über eine Fantomasgedächtnisstimme wieder ins Chaos geleitet wird. Die Riffs nehmen immer klarere Konturen an, Sänger Breuker hat so langsam seine Stimme entdeckt und mitte des Songs fangen die doch tatsächlich an, Emo(-core) zu zelebrieren. Doch ehe man als Hörer auch nur einen Gedanken daran verschwendet, sich die Fingernägel schwarz zu lakieren oder eine Träne für den Weltschmerz zu opfern, wird klar, dass die uns hier bloß verarschen wollen. Es folgen Slapstickeinlagen, Loops, Filmsamples, Riffs, Stakkato, Breaks, Takthüpfen, elektronische Spielereien - und dann kommt da am Ende doch noch diese grandiose Melodie, auf die keiner mehr von uns gewartet hatte. Ohne auch nur einen Song auf dem Display weiter gesprungen zu sein, endet die EP nach 30:22 Minuten. Boah!!!

Zehn Jahre zuvor in Ellwangen (Jagst): Während die Stadt und ein Großteil ihrer Bürger die Eröffnung des Alamannenmuseums feiert, hocken fünf Jugendliche aufeinander und lassen Kindheitstage wieder aufleben. Und was auch immer nun ihre Gedanken zu den Turtles trieb, sie waren es letztendlich, die der Band zur Namensgebung inspirierte (Footgang abgeleitet vom Foot-Clan). Konsequenter Weise betitelten sie ihr erstes Demo Bleeding Ooze. Mit Kyuss, The Dillinger Escape Plan und The Chariot sind gemeinsame Vorbilder schnell gefunden, die Vorstellung vom eigenen Sound schwebt direkt vor den Köpfen aller Beteiligten.

2006: Seit fünf Jahren wuselt sich die Footgang durch den Baden-Württembergischen Untergrund, dürfte dabei wohl kaum jenseits der Landesgrenzen großartig in Erscheinung getreten sein. Dennoch erscheint mit Softly Shattered ihr bereits drittes Demo in Eigenregie. Der instrumentale Opener Kick Off ist Wegweiser: mit ordentlich Gepäck auf den Schultern und Sand in den Schuhen geht's ab durch die Wüste. Nur hätte man sich nicht gleich die Rub al-Chali aussuchen sollen, ein heimischer Sandkasten hätte es vielleicht auch getan. Der bietet nämlich auch genügend Ecken zum austoben an. Die Band verzettelt sich letzten Endes an zu vielen Ideen, die sie zwanghaft versucht in ihren Songs unterzubringen, lässt jedoch meistens die nötigen Spannungsbögen vermissen. So driften Songs wie Softly Shattered und Deloria oftmals ins Belangenlose ab. Den wohl größten Kampf trägt Sänger Breuker mit sich selbst aus. Sein frenetischer Gesang zerrt vor allem dann an den Nerven, wenn er überambitionert ins Leidenschaftliche verfällt. Nun ist es aber nicht fair, eine junge, ambitionerte Band für das zu bestrafen, was sich große Ideen und kleiner Geldbeutel als Kontra zum Besten geben. Der Status eines Rohdiamanten passt immer. Den Demo-Sympathie-Bonus hat sie sich allemal verdient.

2008: Ist das noch die selbe Band?! Mit Trashcam Cypherdolls released die Band ein 12-Track-Album, dass einer Majorproduktion in Nichts nachsteht. Der Sound ist fett. Von den Ecken und Kanten sind nur noch die Selbstgewollten übrig geblieben. Footgang sind jetzt näher an ihren Vorbildern, als jemals zuvor. Die Songs Trashcam Cypherdolls und Uppercut sind akustisch wahr gewordene Hardcorelermasturbationsfantasien, bestechen durch grandiose Riffs, die jedes noch so gelähmte Gliedmaße aus der Regungslosigkeit befreit. Dennoch hat sich der Sound etwas weg vom Stoner entwickelt, Hardcore für Mathematikstreber ist jetzt angesagt. Zum ersten Mal zahlt es sich aus, einen DJ in den eigenen Reihen zu haben, denn der zeichnet sich für das äußerst großzügige Einstreuen von Filmsamples verantwortlich, verleiht einigen Songs Spacecharakter und wühlt im Song Razorsharp Blunt noch einmal in der Gedächtniskiste nach dem Grund, warum Bands wie Crosscut und Limp Bizkit in den 90-gern so verdammt cool waren. Und Breuker? Der kann jetzt sogar singen und darüber hinaus mit seiner Stimme spielen, sie als Break oder Bridge einsetzen, um die Songs in vollkommen andere Bahnen zu lenken. Für den Song Nora lud man sich eine Gastsängerin zu sich ins Studio ein und als Überraschungsmoment erklingt eine Ukulele. Jetz fangen die auch noch an zu experimentieren...

2011: Die Paralyzer-EP wird Demo des Monats in Visions, Ausgabe 222.

Nur einige Monate später erscheint mit Warson Hells ihr offiziell zweites Album. Wieder klein produziert. Wieder nichts davon zu hören! Footgang zelebrieren ihre Helden meisterlich, ohne Eigenständigkeit einbüßen zu müssen. Die Band versteht sich blind, holt sich mit Sebastian Kahnert (A Vancouver Bus Trip) und Michael Heim (Necrotted) noch zwei Kollegen aus der regionalen Hardcoreszene dazu. Als Überraschungsmoment gibt's diesmal 'ne Mundharmonika. Chaoscore wird auch mal angetestet. Aber mit Schubladendenken sollte man bei Footgang gar nicht erst anfangen, könnte sonst 'ne ziemlich große Komode werden. Bleibt eigentlich nur die Frage, warum diese Band immer noch nach einem Label suchen muss?! Ich jedenfalls finde, Footgang sind der helle Wahnsinn. Und wenn der Wahnsinn so viel Spaß machen kann, dann buch ich mir doch glatt einen Monat Aufenthalt im Irrenhaus. Doppelzimmer mit Vollpension, bitte.


P.S.: Auf der Bandpage kann man sich auch die EP von Breukers Nebenprojekt AUDREY HEADBURN 4 free saugen. Wobei die ersten beiden Songs noch nach Workaholic-am-Rechner klingen, lassen die übrigen Songs zumindest ein Bandprojekt erahnen. Alternative-, Stonerrock mit Psychedelic-Einschlag, hätt ich jetz mal gesagt. Aber hört selbst rein.

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DL Footgang - Paralyzer EP
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