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Sonntag, Mai 12

Platte des Monats 05/2019: Choir Boys - III



Kurzinfo:

Sie posten EP's auf Bandcamp, deren Songs vielleicht irgendwann mal geschrieben werden und wer der Band eine 4-Way-Split abkaufen will, landet am Merch-Tisch und bekommt einen Schal (!!!) vorgehalten. Wer die Choir Boys seit ihrer Gründung 2015 auf dem Merkzettel zu stehen hat, brauchte bislang einen langen und strapazierfähigen Geduldsfaden. Nun, im Jahr 2019, gibt es auch endlich das erste offizielle Release, das chronologisch richtig zur divergenten Zahlenfolge der Schein-Veröffentlichungen konsequenter Weise mit "III" betitelt wurde.
Ich will mal behaupten, dass sich das Warten für musikalische Anarchisten definitiv gelohnt hat, denn die sechs Songs ihres Debüts sind ein ausgelassener Reigen durch sämtliche Freidenker-Stile des Hardcore-Punks. Und so scheint es zunächst, als würde der erst twängige und dann ins rockige Solo übergehende Opener "Diary Of A Teenage Smoker" die Bühne für die ganz große Stadionhymne vorbereiten. Stattdessen formen aggressive Riffs und Blastbeats den Song zu einem grindigen Blizzard, inmitten dessen zwei Galle-speiende Vocalisten aneinander geraten, fast so, als würden Eric Wood und Justin Pearson hier einen handfesten Genre-Streit austragen wollen.
Das new-schoolige "Das Weiße Gold" lädt danach unvermittelt ins Moshpit ein zum kompromisslosen Ellenbogen- und Schuhsohlenaustausch. "Wake Me Up Before You Gogh-Gogh" und "Lied 4" krempeln die Chronologie des Openers um und lassen nach einigen Beatdown- und Grindmetzeleien durchaus melodisch-rockige Hooklines in den Vordergrund treten. Das kann bisweilen sogar an den eigenwilligen Brachial-Stadionrock-Mix der ersten Kvelertak-Alben erinnern, nur, dass die Choir Boys eben tief im Hardcore-Punk verwurzelt sind und vor allem wegen des unentwegt räudigen Gebrülls die dunklen Kellergewölbe nie so wirklich verlassen.
Nicht nur aufgrund des Break-verliebten "50m Keta", sonder auch wegen des divergend-polyfonen Geschreies, erhalten die Songs gar eine leicht chaotische Note. Im alles ausschöpfenden und vielleicht etwas zum 80er-Jahre-Metal schielenden Closer "Zur Rhytmizität/...", darf sich dann scheinbar nochmal jeder ein Mikro krallen, der nach acht Bier noch halbwegs geradeaus singen kann. 


Band: Choir Boys

Titel/Release: III/EP (Tape; Digital)

Label: DIY / Interceptor Editions, Z&K

Erscheinungsjahr: 2019

Genre: Hardcore, Punk, Trash, Noise, Chaoscore

FFO: Fabrik Fabrik, Lasershark, Retox

Links: Facebook\\//Instagram\\//Bandcamp




DL "III"

Buy Tape via PM on FB or Mail to: choirboys@ilovecheesypoofs.com

Montag, März 25

Platte des Monats 03/2019: .leaves - Was erzählen wir jetzt unseren Kindern?



Kurzinfo:

Nach dem Label-Ausflug mit ihrem Debüt-Album "...bleibt das jetzt für immer?" (Subzine Records), sind .leaves mit ihrem zweiten "Was erzählen wir jetzt unseren Kindern?" nun wieder komplett im D.I.Y. zurückgekehrt. Ein für die Sammler glücklicher Schritt der Band, denn neben der dunkel-rot, weiß und schwarz marmorierten Vinyl-Auflage, bastelten die Jungs auch eine schick aufgemachte CD in Vinyl-Optik mit Poster-Inlay und ein im Cardboard beheimatetes Tape, dass ebenfalls mit Mini-Poster kommt und mit weißem Schleifchen verschnürt ist. Das Alles zum Spottpreis im Band-eigenen Shop auf Bandcamp, wo ihr den Preis für das digitale Album auch noch selbst bestimmen könnt.
Ob sich bei einem erneuten Label-Release auch musikalisch etwas geändert hätte, weiß ich nicht. Ich wage es aber trotzdem mal zu bezweifeln, denn auch hinsichtlich "Was erzählen wir jetzt unseren Kindern" haben die drei Jenaer nichts dem Zufall überlassen. Aufgenommen wurde abermals im Tautendorfer Hörsturz Studio, den Mix und Master übernahm wieder Die Tonmeisterei. Gesamtergebnis: brachial-krachiger Sound an den Stellen, wo es weh tun soll und kristall-klare, düster-melancholische Atmosphäre in den Momenten, in denen sich jede_r mal selbstkritisch hinterfragen sollte.
.leaves haben ihren streng antifaschistischen und links gerichteten Blick beibehalten, für die holprige Fahrt durch ihre dystopischen Landschaften aber mindestens einen Gang hoch geschalten. Und so beginnt die Tour de Post-Hardcore im Jenaer Stadtteil "Laasan" zwar noch recht unbeständig, erreicht im folgenden "Das letzte Hemd" aber so langsam Betriebstemperatur. .leaves türmen bewährte Bausteine des post-modernen Hardcores zu einer soliden Wand auf, die für a-puristische Einflüsse unüberwindbar ist. Hier geht es nicht darum, etwas vollkommen Neues zu erschaffen. Vielmehr verschafft das Trio seinem Ärger reichlich Luft, was nicht nur mit dem durchweg kehligem Geschreie des Frontmannes zum Ausdruck kommt. Richtig gut ab geht es dann in einem Song wie "Konzept//Gescheitert", in dem sich die Band plötzlich im Mathcore wiederfindet oder auch im Closer "Bekenntnisse", der sich im Zuge des stetig anwachsenden Gefühlsrausches fast schon überschlägt und ein paar Pirouetten im Noise-Rock hinlegt.
In Anbetracht dessen, dass auf "Was erzählen wir jetzt unseren Kindern?" lediglich drei Musiker agieren - von der schwedischen Amtshilfe in "Sista Gången" durch Shirokuma-Sänger Jonathan Lemberg mal abgesehen - , kann man hier durchaus von einem handwerklichem Glanzwerk sprechen, dass vor allem fernab des üblichen Laut-Leise-Spiels für reichlich Abwechslung sorgt. "Fuchs & Hase" und "Hallo Winter" zum Beispiel, lassen immer wieder melodische Momente und einprägsame Hooks unter den verzerrten Saitenschlägen durchblitzen, setzen aber ohne an Dynamik einbüßen zu müssen gezielte Breaks und Rhythmuswechsel, ehe die Songs in zu berechenbarer Eingängigkeit abdriften könnten. Somit verzetteln sich .leaves auf ihrem Zweit-Werk nicht unnötig bei der penetranten Suche nach einem eigenem Konzept und schicken stattdessen eine instinktive Reaktion in Richtung einer fundamentlosen Gesellschaft.
 

Band: .leaves

Titel/Release: Was erzählen wir jetzt unseren Kindern?/Album (300x Dark-Red MarbledVinyl; CD; Red & Gold Splatter Tape; Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2019

Genre: Post-Hardcore, Screamo

FFO: We Had A Deal, Shizune, Fjørt, Calculator

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Bandpage\\//Youtube




DL & Buy "Was erzählen wir jetzt unseren Kindern?"


Montag, Februar 25

Platte des Monats 02/2019: Whole - Bias



Kurzinfo:

Musikalisch spielt sich heutzutage Vieles auf digitaler Ebene ab. Klar, die Sound-technischen Möglichkeiten sind schier unbegrenzt, während sich der logistische Aufwand dazu in einem überschaubaren Rahmen bewegt. Eine Band jedoch live zu erleben, entfaltet dann aber doch nochmal eine ganz andere Intensität - oder führt im schlimmsten Fall zu einem bösen Erwachen. 
Das ist sicher nicht die Weisheit des Tages, im Falle von Whole aber schon etwas Besonderes. Hat sich Eigentüftler Alex Donut in den letzten Jahren überwiegend im heimischen Studio eingenistet und über das eigene Label in regelmäßigen Abständen seine Solo-Projekte (u. A. Feverdreamt, Fir Cone Children, Vlimmer) veröffentlicht, tourt die andere Whole-Hälfte Thomas Schernikau seit 2011 mit der Depeche-Mode-Tribute-Band Forced To Mode äußerst erfolgreich durchs Land und spielt vor ausverkauften Häusern. 
Seit ihrer gemeinsamen Tour in 2009 - mit ihren damaligen Bands Leonard Las Vegas und der FTM-Quasi-Vorband Forced Movement - , verbindet die beiden Musiker eine Freundschaft, die im letzten Jahr schließlich zum erneuten musikalischen Zusammenschluss führen sollte. Nur diesmal eben als gemeinschaftliche Band, die sich entgegen ihrer anfänglichen Intention nicht scheut, ihre Virtuosität auch auf der Bühne auszuleben. Und mit dem Begriff Virtuosität stehen wir auch schon im Mittelpunkt von Whole's Debüt-Album "Bias". Die beiden (Rand-)Berliner haben es in Rekordzeit geschafft, ihre unterschiedlichen Einflüsse und Vorlieben perfekt miteinander zu verflechten. So schwebt nicht nur über den morbiden "Lust/Terror" und "Tides Made By Our Hands" die schwarze Seele von Depeche Mode, während sich ein Song wie "What Scares You" in einer ähnlichen Weise psychotisch verstrickt, wie es auf den letzten beiden Leonard Las Vegas-Releases nicht selten der Fall war. Diese allgegenwärtige, düstere Abgründigkeit saugen Whole aber nicht nur aus ihrer eigenen Inspiration. Reminiszenzen an Bowie-esken Avantgardismus bis hin zu Reznor-ische Destruktivität, aber auch schwelgerische Passagen á la Radiohead, ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. "Berghain" nimmt den Hörer mit einer eingängigen Melodie an die Hand und entführt ihn fast schon verführerisch in immer trügerischere Sphären, nur, um ihn einen Song später inmitten einer fast schon versöhnlichen Düsterballade abzusetzen.
Whole öffnen mit "Bias" das Tor zu einer neuen Dimension des Synthpop. Ein Album zwischen Licht und Schatten, gespickt mit vielen versteckten Details, voll fragiler Poesie, betörend und verstörend zugleich.


Band: Whole

Titel/Release: Bias/Album (15x Tape, Digipak-CD, Digital)

Label: Blackjack Illuminist

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Synthpop, Indie, Electronic, New Wave, Gothic

FFO: David Bowie, Radiohead, Depeche Mode

Links: Facebook




Stream & Buy "Bias"


Sonntag, November 25

Platte des Monats 11/2018: Pogendroblem - Erziehung zur Müdigkeit



Kurzinfo:

Maaßen, Erdogan, Hambacher Forst und Chemnitz - allein die Miszstände und Fragwürdigkeiten der jüngsten Vergangenheit werfen unweigerlich die Frage auf, an welcher Stelle die menschliche Vernunft eigentlich vollkommen verloren gegangen ist. Es ist aber eben auch noch nicht alles, denn neben alltäglichen, radikalen Flüchtlingsheimrazzien und Räumungen links-alternativer Einrichtungen und Begegnungsstätten, die es nicht über die regionale Presse hinaus schaffen, herrscht noch immer eine ganze Menge Ungerechtigkeit und staatliche Willkür fernab des medialen Bombasts. Und wer sich auf dem vermeintlichen Erfolg des G20-Gipfels ausruht, hat vielleicht noch nicht selbstkritisch hinterfragt, mit wem man dort eigentlich so alles Seite an Seite demonstriert hat.
Keine Frage, die Gesamtscheiße ist mächtig am Brodeln. Mit ihrem Debüt-Album wirbelt die Band mit dem Prechtschreibroblem somit sicherlich keine neuen Fragen auf, sondern konzentriert sich vielmehr darauf, die richtigen zu stellen. Denn gerade zu Zeiten einer orientierungslosen Regierung, ist moralischer wie physischer Angriff die beste Verteidigung. So richtet sich der Appell von Pogendroblem nicht nur an die Marionetten in Staatstracht ("Gebrochen") oder dem gemeinen Hipster und Schnösel, sondern vor allem auch an die Philosophie des gemütlichen Widerstands der eigenen Szene ("Banden", "Schnöselpunx") - "Erziehung zur Müdigkeit".
Authentisch wirkt das, weil das Quartett aus Bergisch Gladbach seine Attitüde in herrlich aseligen Schrammelpunk packt, anstatt sie mit post-modernen Schnörkeln zu verkleiden. Ausflüge werden höchstens in eng benachbarte Genres wie dem Garage und Hardcore-Punk unternommen oder eben in die drei Jahrzehnte zurückliegende Punk-Vergangenheit. Für diesen Charme sorgt allein schon die herrlich kratzige Produktion von Lau Velthaus (u. A. HerrinGedeck und Reiche_Weiße_Cis_Männer).


Band: Pogendroblem

Titel/Release: Erziehung zur Müdigkeit/Album (500x Black Vinyl; Tape; Digital)

Label: In A Car (Vinyl), Zehnagel Records (Tape)

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Deutschpunk, Punk, Garage

FFO: Mühlheim Asozial, Urinprobe, Novotny TV

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Youtube




DL & Buy "Erziehung zur Müdigkeit"

Buy Here, Here, Here, Here & Here


Donnerstag, Oktober 25

Platte des Monats 10/18: Oat - Hardy



Kurzinfo:

Passend zum kürzlich veröffentlichtem DIY-Re-Release ihrer tollen Debüt-EP "Oatism", erschien noch kürzlicher Oat's zweite EP "Hardy", mit dem die Leipziger Stoner-Punks auf dem ortsansässigen Label Lala Schallplatten gelandet sind und somit auch auf ihr erstes Vinyl-Release zurückblicken können.
Im Vergleich zum experimentellen Vorgänger, startet das neue Werk mit dem Opener "Bernd" und dem folgenden "Ritalin" recht eingängig und erinnert mich stark an eine Mischung aus jugendlich-ausgelassenen wie drückenden Post-Millenium-Alternative-Emocore-Combos wie Element Eighty, Colour Of Fire oder Emanuel. Aber bereits der dritte Streich "Papaya" liebäugelt ungeniert und vielleicht auch provokativ mit Freestyler-Heavy-Rock, während "Meatbags" mit etwas mehr texanischem Wüstenstaub rumröchelt. Spätestens aber mit dem fünften Song "Young Blood" und dem Closer "Rogger Density", der standesgemäß mit einem Vocalensemble ausklingt, sind Oat wieder in ihrem eigenen, unberechenbaren Klang-Kosmos angekommen.
Ich laß am kürzlichsten in einer "Hardy"-Review, dass der Rezensent vor allem diese Inkonstanz nicht richtig einordnen könne. Nunja - abgesehen davon, dass besagten Online-Schreiberling scheinbar die Debüt-EP entgangen ist, würde ich an dieser Stelle mal behaupten, dass vor allem dieser spannende Mix aus hartem Groove, (Pop-)Punk-affinen Melodien, etwas Gossen-Rotzigkeit und willkürlichen Wendungen, den Reiz dieser Band seit jeher ausmachen.


Band: Oat

Titel/Release: Hardy/EP (Yellow Vinyl; Digital)

Label: Lala Schallplatten

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Stoner Rock, Punk, Alternative, Experimental

FFO: Colour Of Fire, Element Eighty, Cannahann

Links: Facebook\\//Youtube\\//Bandcamp




DL "Hardy"


Buy Here, Here or via Mail to: oaterspace@gmail.com


Dienstag, September 25

Platte des Monats 09/2018: Braunkohlebagger - Abbruch



Kurzinfo:

Es bleibt dabei: hinter einem kuriosen Bandnamen kann sich für den verqueren Musikkonsumenten so manch unerwartete, positive Überraschung verbergen. 
Obwohl der Name Braunkohlebagger zunächst nach einer verlorenen Wette im Proberaum eines Rudels Assel-Punks klingt, kommt es auf der 5-Song-Debüt-EP der Essener Band doch irgendwie anders als gedacht. Das aber dafür richtig.  Das Quintett, das sich u. A. aus zwei Leitkegel und Mitgliedern von December Youth und Depart zusammensetzt, transportiert schonmal eine Menge Vielfalt aus dem musikalischen Background in das Ende 2017 gestartete Projekt. Daraus allerdings den Querschnitt für den neuen Sound abzuleiten, wäre vielleicht etwas zu voreilig. "Abbruch" ist ein asymmetrisches Pendel zwischen den Genres Alternative und Post-Hardcore, das von Song zu Song gelegentlich oder eben öfters in benachbarte Genres wie Punk, Progressive oder Math-Rock hinüberschwingt. Unberechenbarkeit lautet wohl die Divise des Erstlings, die zu hundert Prozent aufgeht, da die Band überschaubare Songstrukturen mit avantgardistischen Experimenten in perfekter Harmonie setzt. Der groovende Intro-Part der Vorab-Single "Endlosschleife" und der monumentale Ausklang von "Zeichen" könnten gar Biffy Clyro's Album "Puzzle" (ein grandioses Album, das der Band allerdings vielleicht etwas zu früh den Weg in den Mainstream-Pop ebnete) entnommen sein. Zusammen mit dem schlussendlichen Frauenchor am Ende von "Herz", wirft das unweigerlich die Frage auf, woraus Braunkohlebagger eigentlich ihre produktionstechnische Kraft schöpfen?! 
Fragen über Fragen - und das ist auch gut so! Denn wer mit dem Instrumentalen abgeschlossen hat, kann sich in Ruhe mit den Lyrics auseinandersetzen. Während "Ameisenhaufen", "Herz" und "Zeichen" die voreingenommene Mentalität des potentiellen AfD-Wählers zerrütten, arbeitet "Wochenende" das beispiellose Medienspektakel des Gladbecker Geiseldramas aus einer ganz eigenen Sichtweise auf.

"Abbruch" erschien bislang nur digital. Schenkt der Band ein Like o. Ä. und zeigt ihr somit, dass sich ein Vinyl-Release lohnt.


Band: Braunkohlebagger

Titel/Release: Abbruch/EP (Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Progressive, Post-Hardcore, Punk, Alternative

FFO: Oat, Specht Ruprecht, Kora Winter

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Youtube




DL "Abbruch"


Samstag, August 25

Platte des Monats 08/2018: Lost Boys - Fun



Kurzinfo:

Seit ihrem Demo-Debüt 2016 hat sich beim Nürnberger Trio Lost Boys ja nun doch so einiges getan. Julian (Masada), Nico und Oli (beide ex-Lilith und Todlowski) lassen sich mittlerweile gelegentlich auch im World Wide Web blicken und für ihren ersten Longplayer konnten sie neben zwei einheimischen Labels auch gleich mal sechs internationale begeistern. Mit jeder Menge "Fun" und den Amis Gillian Carter im Schlepptau, geht es ab Ende August für zwei Wochen auf Europa-Tournee, die die Verlorenen Jungs von Deutschland aus in die österreichische, ungarische und französische Hauptstadt lotst.
Am krachigen Sound der Band hat sich hingegen recht wenig geändert, auch wenn die Platte insgesamt eine gute Produktion durchlief. Der Bass knarzt tief, die schrammeligen Gitarrenläufe dürften dem Gitarristen wohl die Nägel bis runter zu den Nieten geraspelt haben und das hektische Schlagwerk stachelt herrlich das mehrstimmige Gekreische an. Die Lyrics, die trotz aller kryptischen Emotionalität den Kern immer noch erkennbar lassen, lassen sich übrigens auf der Bandcamp-Seite der Band nachlesen.
Auch wenn sich "Fun" im ersten Durchlauf wie ein willkürliches Instrumentengeschreddere anfühlt, lohnt es sich an vielen Stellen genauer hinzuhören. "Punk Singer", der mit einem eingängigen Akkord einstimmt und mit schwelgerischen Uuh-Uuuh-Chören ausklingt, sticht vielleicht noch am markantesten heraus. Ansonsten gilt es mit vielen Breaks, anlaufenden Riffs und Melodiewechseln die Spannung möglichst weit oben zu halten und aus der eintönigen Strophe-Refrain-usw.-Schablone auszubrechen. Der Mittelteil von "Every Now And Then" verliert sich gar mal kurz im fast schon jazzigen Geplänkel, was damals schon Lilith zu einer Koryphäe des Screamos herausstechen ließ.


Band: Lost Boys

Titel/Release: Fun/Album (100x Mint Green Marbled Vinyl; 400x Black Vinyl; Digital)

Label: u. A. I.Corrupt Records, Dingleberry Records, Désordre Ordonné

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Screamo, Punk, Hardcore

FFO: Louise Cyphre, Einermusstot, Pg.99

Links: Facebook\\//Tourpage\\//Bandcamp




DL "Fun" Here, Here & Here

Buy Here, Here, Here or via Mail to: lostboyz@gmx.de


Mittwoch, Juli 25

Platte des Monats 07/2018: Snarg - Snarg II



Kurzinfo:

Na gut, ich gebe es ja zu. Für mich war eigentlich schon mit dem Release ihres ersten Albums klar, dass auch Snarg's zweites, sollte es denn eines geben, unsere Rubrik "Platte des Monats" krönen wird. Was soll ich sagen, ich stecke fest...auf einer Band, die enorm wichtig ist für die Gegenwart und dort weitermacht, wo Antitainment mit ihrem zweiten Album aufgehört haben. Nämlich verdammt gute Hardcore-Punk-Songs zu schreiben, die bei aller 8-bit-, Chiptune- und Synthie-Verspieltheit den Bezug zur Ernsthaftigkeit nie ganz verlieren. In diesem Sinne ist "Snarg II" sogar ein ziemlich ernstes Album geworden, ein - so blöd es auch klingt - (ge)reif(t)es Werk. Eine Reife, die sie mit Lafftrak nicht erreichten oder erreichen wollten und vielleicht sogar reifer als Antitainment es je waren. Ein inhaltlich-konzeptioneller roter Faden schlängelt sich durch die acht Songs, was eben auch nicht spurlos an die Struktur der Stücke vorbeizieht. Vieles auf "Snarg II" ist im Vergleich zum Vorgänger abgerundeter. Weniger Math-Vertracktheit, weniger wahnwitzige Synthies, dafür mehr Eingängigkeit und Einklang von Elektronik und Rock. Und mit "Minigolf, Tod" und dem nachdenklich stimmenden und zugleich krönenden Abschluss "Fallen", habe ich jetzt auch direkt mal zwei neue Lieblingssongs der Band.
Einziges Manko: 18 Minuten sind wieder einmal viel zu schnell vorüber.


Band: Snarg

Titel/Release: Snarg II/Album (Tape in Slipcase; Digital)

Label: Uga Uga Tapes, Tief in Marcellos Schuld

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Nintendocore, Hardcore-Punk

FFO: Antitainment, Lafftrak, Horse The Band

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Youtube




DL "Snarg II"

Buy Here & Here or via Mail to: snarg@echsenmenschsystem.de




Montag, Juni 25

Platte des Monats 06/2018: Specht Ruprecht - Jubel Trubel Halbwahrheit



Kurzinfo:

Es ist das Album geworden, auf das ich mich seit der Veröffentlichung der Video-Single "Quader" gefreut habe: ein unberechenbares Konstrukt voll akrobatischer Stilbrüche und Wendungen, wahnwitziger Wortspielerei- und -Klauerei. "Jubel Trubel Halbwahrheit" ist dennoch kein grenzenloser Irrgang durch die Genres und schon gar nicht zum Scherzen aufgelegt. Zumindest nicht nur, denn der eine oder andere nostalgische Crossover-Flashback oder die clever verdrehten Sprichwörter entlocken Einen/Einer sicherlich nicht ganz unprovoziert ein Schmunzeln. Ansonsten ist der angeschlagene Ton auf dem zweiten Album der Erfurter Band eher ein rauher, der der abgestumpften Gesellschaft einen sarkastischen bis zynischen Spiegel vor die Nase hält. 
"Jubel Trubel Halbwahrheit" ist ein Freestyler-Album, dass sich der Freiheiten des Punks bedient und sie in musikalische Anarchie ummünzt, ohne dass das Experiment dabei den Song ins Unhörbare zerstückelt. Eine Kunst, die Band erstmal so hinbekommen muss.


Band: Specht Ruprecht

Titel/Release: Jubel Trubel Halbwahrheit/Album (CD in Postersleeve + Extras; Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2017

Genre: Alternative, Metal, Crossover, Punk

FFO: Affenmesserkampf, Entrails Out!, Kannibal Krach

Links: Bandpage\\//Bandcamp\\//Facebook\\//Soundcloud\\//Youtube\\//Myspace I\\//Myspace II




Stream & Buy "Jubel Trubel Halbwahrheit"

Buy Here


Freitag, Mai 25

Platte des Monats 05/2018: Cortarmao - Herzmaschine



Cortarmao liefern mit "Herzmaschine" ihren ersten Longplayer ab und das abermals in kompletter Eigenregie. So erscheint das Album als rot-grau-marmorierte Vinyl und als handgestempelte und -nummerierte CD über das eigene Label Feenoise, wobei sich die Band ganze Nächte um die Ohren schlug, um sich mit den Tücken des Aufnehmens, Mischens und Mastern herumzuärgern.
Ein Umstand, der dem Album sicherlich an einigen Stellen anzuhören ist, unter dem Deckmantel des D.I.Y. aber zumindest billigend und für die Hörerschaft wohlwollend in Kauf genommen wurde.
Was mit den zwei 2015er Demo-Songs vielleicht noch etwas zu kurz für einen Gesamteindruck ausfiel, wird auf "Herzmaschine" nun zu einem wahren Wahnsinnsspektakel für Hartgesottene zusammengepfercht. Was mit der fiesen, schleppenden Doomwalze "Aorta" noch recht monoton vor sich hinrumort, wird bereits mit dem fetten Riff im folgenden "Baldachin" in eine andere Sphäre katapultiert. Fortan bewegen sich Cortarmao auf einen schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn, durchbrechen ihre mitreißende Hooks mit wüsten Noise-Eskapaden und fangen ihre trügerische Stille in verstörenden Kammerspielchen ein. Über jeden der neun Songs schwebt stets die mit Spannung erwartete Unberechenbarkeit, die die vier Thüringer mindestens genauso meisterhaft beherrschen wie die vielzitierten Math- und Noisecore-Größen. Dass dafür auch noch einige befreundete Musiker aus der Region mit eingebunden wurden - u. A. sind zwei Mitglieder von .leaves zu hören, mit denen sich Cortarmao ja zuvor ein schick aufgemachtes Split-Tape teilten (siehe HIER) - , setzt der Vielfalt natürlich noch die Krone auf.

Auch wenn es für diese Sparte des Hardcores vielleicht nur eine relativ kleine Fangemeinde gibt - Bands wie Cortarmao sind enorm wichtig, um dieses Genre auch hierzulande salonfähig zu machen.

Band: Cortarmao

Titel/Release: Herzmaschine/Album (300x Red Marbled Vinyl, 49x CD, Digital)

Label: Feenoise

Erscheinungsjahr: 2017

Genre: Mathcore, Post-Hardcore, Metal

FFO: The Dillinger Escape Plan, Soma Nowaja, Tentackle, Norma Jean

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Youtube\\//Soundcloud\\//Last.fm



Stream "Herzmaschine"

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Samstag, November 25

Platte des Monats 11/2017: Danny Trejo - Another Trejo's Night



Danny Trejo, the BAND, kamen bei uns schonmal vor exakt drei Jahren mit ihrer Debüt-EP zur Ansprache. Damals allerdings nur im kleinen Rahmen unserer "Hollywood Trash"-Reihe und somit auch leider bloß viel zu oberflächlich. Denn kurze Zeit später legten die sechs italienischen, neu rekrutierten Hardcore/Punk/Ska-Veteranen (u. A. aus Kombos wie Los Fastidios, Tears/Before, Slander, uvm.) mit "Human Extinction" auch ihren ersten Longplayer nach, der mich dermaßen in Ekstase versetzte, dass ich nicht einmal Zeit dafür aufbringen konnte darüber zu schreiben. Die Scheibe rotiert zwar noch immer in regelmäßigen Abständen über meinen Plattenteller, mittlerweile würde ich aber behaupten, bin ich über dieses pubertäre Groupie-Verhalten hinweg gekommen. Und was machen Danny Trejo? Na klar, hauen vollkommen unvermittelt ein neues Album raus, das den Vorgänger in puncto Groove sogar noch übertroffen hat. Ich drehe noch durch!
Aber mal ganz von vorne: Danny Trejo sind altgediente Punks aus Venedig, die in der regionalen und internationalen Szene schon weit rum gekommen sind. Vielleicht auch deshalb haben sie einen etwas nüchterneren Blick auf die aktuellen Geschehnisse, denen sie mit viel Ironie und Galgenhumor entgegnen. Das ändert natürlich nichts an der Sache an sich, denn grundsätzlich läuft auch ihr drittes Album "Another Trejo's Night" unter dem Banner Hardcore-Punk, nur, dass die zwölf kurzen Nummern mit reichlich Speed über die Bühne gebracht werden und eine süchtig machende, rockige Note verleiht bekommen. Fast schon wie die Glam-Rocker unter den Fastcorelern, führen Danny Trejo ihre Songs aus die feuchten Katakomben und hinauf auf die Festival-Bühnen. Das ist natürlich immer noch weit genug weg von der punk-verhassten Stadiontauglichkeit. Zum Glück! Parallelen zu The Casualties (nur mit cooleren Crew-Shouts anstelle der nervigen Aah- und Ooh-Chöre) und Kvelertak (nicht ganz so metallisch) könnten sich aber durchaus noch erahnen lassen.
Angeführt von Krachern wie "Forced Evolution" (knallt mich mindestens genauso an die Wand wie "Memories vs. Goals" vom Vorgänger), "Gold Digger", "Nothing To Live For" und das ebenfalls steil gehende "Nuclear Holocaust", haben Danny Trejo mit ihrem dritten Release noch mal eine Schippe Dynamik, Melodie und vor allem Groove drauf gelegt.


Band: Danny Trejo

Titel/Release: Another Trejo's Night/Album

Label: Mustard Mustache (100x Pro-Tape, Digital), Indelirium Records (CD, Digital)

Erscheinungsjahr: 2017

Genre: Hardcore-Punk, Fastcore

FFO: La Crisi, Youth Avoiders, Clowns

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Mittwoch, Oktober 25

Platte des Monats 10/2017: Wind In His Hair - Earthwrecker EP



Band: Wind In His Hair

Titel/Release: Earthwrecker/EP (100x Grey w/ White/Black Splatter Vinyl, 150 Black Vinyl, 250x White w/ Grey Splatter Vinyl, Digital)

Label: Alerta Antifascista, Surpreme Chaos Records, Resist Rewild Records, Replenish Records

Erscheinungsjahr: 2017

Genre: Crust-Punk, Hardcore-Punk, Atmospheric Black Metal

FFO: Ruins, Thränenkind, Mind Plague

Links: Facebook\\//Last.fm



Kurzinfo:

Der Bandname einem fiktiven Charakter aus "Der mit dem Wolf tanzt" entliehen, Indianer-Cover, Texte über Stammeskulturen, Mutter Natur und der Erhalt dieser. Eigentlich ließen sich Band und Debüt-EP auch problemlos unter der Überschrift "Back to the roots" zusammenfassen. Eigentlich, denn ihre höchst eigenwillige Mischung aus Crust-Punk und atmosphärischen Black Metal besetzt in musikalischer Hinsicht eine vollkommen neue Nische. Die Berliner Band, die sich einige Mitglieder mit den nicht weniger a-puristischen Post-Metallern King Apathy (= ehemals Thränenkind) teilt, nennt das selbst Feral Crust Punk. Und auch das trifft es. Dabei beginnt die EP "Earthwrecker" mit einem nachdenklich stimmenden Storytelling-Intro, das die fortan düstere Grundstimmung schonmal hervorragend einzuläuten vermag. Bereits mit dem folgenden "Sequoia" wird jedoch jeder Ansatz von Harmonie und Bedächtigkeit dem Erdboden gleich gemacht. Düster-schneidende Gitarren, Double-Bass-Attacken, mitreißende Melodien, fiese Growls und zerreißendes Geschreie - Wind In His Hair formen aus diesen Hauptzutaten eine fast schon süchtig machende Einheit, die trotz dieser wilden Überschneidungen kaum Ecken und Kanten übrig lassen, von der Crust- und AJZ Bielefeld-typischen, rauhen Produktion mal abgesehen. Und dann überrascht da auch noch diese cleane Metalcore-Gesangspassage à la Caliban in "Old Light", der einen/eine vollkommen ratlos und verunsichert stehen lässt.
Mit "Earthwrecker" haben Wind In His Hair in jedem Fall ein außergewöhnliches Werk geschaffen, das sich so ziemlich jeden musikalischen Vergleich entzieht, das fesselt, beunruhigt, verstört oder einfach bloß mitreißt. Mehr kann mensch von Musik nicht erwarten.

DL "Earthwrecker" Here & Here

Buy Here, Here, Here & Here

Montag, September 25

Platte des Monats 09/2017: PSSGS - II



Band: PSSGS

Titel/Release: II/EP (Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Post-Hardcore, Emocore, Emo

FFO: At The Drive-In, Funeral Diner, Thursday

Links: Bandpage\\//Facebook\\//Bandcamp\\//Last.fm



Kurzinfo: 


Es ist zwar schon etwas her, als die Darmstädter Post-Hardcore-Hoffnung PSSGS (Vergleiche zu At The Drive-In) ihre bislang zweite EP "II" veröffentlichte, für eine Nachzügler-Erwähnung ist es aber hoffentlich nicht zu spät. Viel hat sich getan nach ihrem großartigen 2014er Debüt, noch viel mehr nach dieser 2-Song-EP. Kleine Tour mit ihren polnischen Artgenossen Lie After Lie; der Weggang von René Tillmann nach den Aufnahmen zu "II", der schließlich auch das ganze Release-Konzept durcheinander würfelte. Denn eigentlich war geplant, "II" als farbige 12" zu veröffentlichen mit den Songs des Debüts auf der B-Seite und mit bedruckten Innenhüllen. Dann keimte noch die Idee auf, die Songtexte und Ideen und Gedanken hinter den Songs als gebundene Buchausgabe an den Mann zu bringen, die den Download der beiden Songs beinhalten sollte. Letztendlich sind beide Songs lediglich digital, dafür kostenlos über Bandcamp erschienen, während das 18-seitige Booklet/Artwork auf der Bandpage zu finden ist. Das schmälert den Wert und Gehalt der Songs natürlich nicht, denn diese zeigen erneut, warum PSSGS hierzulande eine Ausnahmestellung genießen (sollten). War das selbstbetitelte Debüt bereits von einem zu eng angelegten Genre-Korsett befreit, haben "A Choir/A Home" und "An Appearance/A Division" nun sogar noch mehr Freiräume, die mit reichlich persönlichen Emotionen und kreativen Wendungen gefüllt wurden. Es erfodert schon eine gewisse Routine, derart ausufernde Songs mit der klassischen Rockbesetzung stets auf Hochspannung zu halten. Eigentlich passen PSSGS sogar viel besser ins analoge Zeitalter und könnten somit auch ganz gut auf den Präfix "Post-" verzichten.
Anfang des Jahres erklärte die Rest-Band über Facebook, dass sie PSSGS vorerst auf Eis legen, da sich die Beteiligten anderen mehr oder wenigen gemeinsamen Projekten zuwenden wollen. Hoffentlich nur auf Eis...





Freitag, August 25

Platte des Monats 08/2017: Cruor Hilla - Zurück ins Bällebad



Band: Cruor Hilla

Titel/Release: Zurück ins Bällebad/Album (200x Digipak-CD, Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Punk, Deutschpunk

FFO: Die Shitlers, Die Traktor, Mülheim Asozial, The Bottrops, Arbeitstitel: Bullenblut

Links: Bandpage\\//Facebook\\//Bandcamp\\//Soundcloud\\//Youtube\\//Last.fm



Kurzinfo:

Verdammt, was geht denn hier ab?! Cruor Hilla ist wohl die erste und einzige Deutschpunk-Band, die auf ihr eigenes Point-and-Click-Adventure zurück blicken kann:


Ist das noch Punkrock? Zumindest nicht weniger, als wir es sind. Immerhin sitzen wir ja gerade auch alle vor einem Computer, Smartphone oder Tablet. Pre-Postmoderne nennt sich das wohl. Wesentlich old-schooliger läuft das da schon mit ihrer Musik ab. Die Produktion - von der Aufnahme bis hin zum Digipak - ihres dritten Albums "Zurück ins Bällebad" übernahm das Hauptstadt-Trio komplett in Eigenregie und kratzte das Geld dafür buchstäblich vom Straßenasphalt ab. Das ist Punkrock.
2/3tel ihrer Bandbreite offenbart die Band bereits in den ersten drei Songs: melodiöser Punkrock mit viel Herz, Sorge und Humor. Und natürlich etwas Ska-Einschlag wie in "21 Euro", in dem Cruor Hilla sich auch gleich mal als weltbeste Band outen. Pow!
Das Ganze voll macht spätestens der Song "Dieselbe Gitarre", mit dem die Band auch ihr Gespür für etwas beschwipste Lagerfeuerromantik beweist. Ganz ehrlich, mehr braucht es im Punkrock nicht. Daher verzichten Cruor Hilla auch vollkommen auf hipster-esque Gastinstrumente und was irgendwie noch viel sympathischer ist - auf den Feinschliff.

DL "Zurück ins Bällebad" Album


Sonntag, September 25

Platte des Monats 09/2016: Brutale Gruppe 5000 - Zukunftsmaschine II



Band: Brutale Gruppe 5000

Titel/Release: Zukunftsmaschine II/Album (Black Vinyl, 77x Tape, Digital)

Label: RilRec, Raccoone Records, Uga Uga Tapes

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Deutschpunk, Laserpunk, Punk, Hardcore-Punk

FFO: Snarg, Loser Youth, Affenmesserkampf, Mann kackt sich in die HoseAntitainment

Links: Blog\\//Facebook\\//Youtube\\//Last.fm



Kurzinfo:

Haben es die vier Jungs also doch noch geschafft ihr Debüt-Album vorzulegen. Wurde ja auch endlich Zeit, denn mittlerweile kamen mir schon einige Zweifel auf, ob sich hinter Brutale Gruppe 5000 tatsächlich Laserpunks oder nicht doch etwa bloß Lazypunks verbergen. Auch wenn das natürlich ein ziemlich flacher Einstieg von mir ist, soll er euch dennoch schonmal auf das vorbereiten, was "Zukunftsmaschine II" in Form von 16 Tracks von der Leine lässt.
Es ist vor allem der schmale Grad zwischen Ironie, Sarkasmus und Zynismus, der das Album zu einem wahren Szeneschmaus ausmacht. Versucht doch mal, das Wort "Pollenschweine" so schnell ihr könnt dreimal hintereinander aufzusagen ... verblüffend, oder? Und fast schon durch die Blume gesprochen, wenn man bedenkt, dass die Jungs in alles andere als indirekten Deutschpunk-Bands wie Contra Real, Praxis Dr. Shipke und Loser Youth sozialisiert wurden. Vielleicht will uns ein Song wie "Ich will keine Blume sein (Verdammt!)", der sich live sicherlich auch gut für eine Zugabe eignen würde, ja genau das sagen: Weniger Honig um den Mund, mehr Tacheles! Brutale Gruppe 5000 verzichten darauf, adäquate Verse für die Hipstergeneration zu kreieren. Stattdessen stürmen sie geradewegs Freischnauze voraus und haben dabei auch keine Scham, sich gelegentlich bei Genre-Größen wie Black Flag ("Kapot + Asozial"), Minor Threat ("Ich wills nicht hören") oder Circle Jerks ("Wild auf der Strasse") zu bedienen. Wer sein Gehirn unbedingt auf Siedetemperatur bringen will, kann ja versuchen, den Stücken "Scheiss Pollen", "Verrückte Viecher" und "Dinosaurs will die" etwas gegenwärtige Gesellschaftskritik zu entlocken. Muss man aber nicht, denn wer aus "Angriff der Killertomaten" und "Die Dinos" sampelt, läuft ohnehin nicht ganz rund, wie wir hierzulande spätestens seit Lafftrak wissen. So ist "Zukunftsmaschine II" nicht nur ein Album, dass sich nostalgisch im oldschooligen und dreckigen HC-Punk suhlt, sondern in zweiter Linie auch richtig Spaß macht. Egal ob eingängige Kopfnicker-Hymnen, melodiöse Punknummern wie der Opener "K.K.K." und der Album-Hit "Fabian" oder Songs, die sich einfach nur in einen dadaistischen Orgasmus hineinsteigern - zu "Zukunftsmaschine II" gilt es peinlich abzuzappeln, in der Hoffnung, von möglichst vielen skeptischen Blicken erhascht zu werden. Prost!

DL "Zukunftsmaschine II" Here & Here

Buy Here, Here, Here, Here, Here & Here



Donnerstag, August 25

Platte des Monats 08/2016: Fir Cone Children - Firconium



Band: Fir Cone Children

Titel/Release: Firconium/Album (CD, 15x Tape, Digital, Lim. Edition Wooden Box "Fircology" incl. all 3 FCC-Releases on CD)

Label: Blackjack Illuminist

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Dream-Pop, Noise-Pop, Shoegaze, Hot Fuzz, Pop-Punk, Alternative, Garage

FFO: The Rational Academy, Weezer, The Hives, Times New Viking

Links: Facebook\\//Last.fm



Kurzinfo:

Wie jetzt, schon wieder ein Fir Cone Children-Release? Dabei ist das Review zur Vorgänger-EP "The Age of Blastbeatles" noch so dermaßen frisch, dass ich es aus dem Stegreif auswendig vortragen könnte. Will ich aber nicht, auch, weil es zum zweiten Band-Album "Firconium" nur bedingt passen würde. 
Seit dem letzten Jahr zählt Zurückhaltung nicht gerade zu den Tugenden von Blackjack Illuminist und dessen Kopf Alex Donat. Warum auch? Solange die Ideen sprießen, kann es sicherlich nichts schaden, sie in digitaler und physischer Form festzuhalten. Und bis auf die beiden Tracks "From Afar" und "Turn Around", die bereits auf der EP zu hören waren, scheinen sie dem Königs-Wusterhausener auf dem dritten Release seines Solo-Projektes noch immer nicht ausgegangen zu sein. Entgegen der stellenweise wüst-verschwurbelten EP, saugen die zwölf Album-Songs nun wieder wesentlich mehr Lichtstrahlen auf. Manchmal etwas melancholisch verhangen, im Großen und Ganzen aber genau der richtige Antrieb, die sommerliche Leichtigkeit einzuatmen und der Unternehmungslust Folge zu leisten. Schon mit dem ersten Gitarrenschlag ist man sich sicher, dass hier wird ein gutes Album, vielleicht sogar das beste von FCC. Klar, vieles klingt wohltuend vertraut. Dafür liegen die beiden vorangegangenen Releases zeitlich gesehen nunmal zu nah an der Gegenwart. Allem voran Alex' zart-schwelgende und doch aufgeregte Stimme und die schrammeligen, verzerrten Gitarren kehren als Erkennungsmerkmale mit Aha!-Effekt immer wieder. Genauso, wie die eingängigen, pop-punkigen Melodien, die nur aufgrund ihrer Affinität zum Noise- und Dream-Pop als potentieller Soundtrack für Teenie-Komödien ausscheiden. Und natürlich, weil auch "Firconium" ein (Über-)Kinder-Album geworden ist. Eines, dass diesmal auch die biestigen Seiten der kleinen Racker mit viel Warmherzigkeit und Verständnis in Wohlgefallen auflöst, statt sie mit fahrigen Blastbeats auf die Spitze zu treiben. Obwohl mich der Song "Cry, Cry, Cry, Cry" dann doch irgendwie an Lesley Gore's "It's My Party" in Verbindung mit dem Film "So ein Satansbraten" erinnert.
Es sind aber nicht nur die spaßbringenden und locker-leichten Wohlfühlnummern wie "My Green Bike" oder "Family (First Encounter)", die "Firconium" zu einem tollen wie außergewöhnlichen Album anwachsen lassen. So könnte der Closer "Where We Are Going" problemlos als Weezer-Gedächtnishymne durchgehen, während der Album-Hit "(We Are) Fir Cone Children" ebenso wie "From Afar" schrammeligen Garage-Punk der Marke Martini Henry Rifles und Times New Viking mit dem rockigen Sexappeal der Hives kombinieren. Dazwischen befinden sich mit "The Cow" und "At Night" zwei atmosphärisch-verträumte Balladen und das ausgelassene "Go Forth, Luna", das sich zwar hervorragend ins Albumgefüge integriert, jedoch dermaßen viele Stimmungen ineinander verflechtet, dass einem/einer fast die Sprache verschlägt. Muss ja nichts Schlechtes bedeuten, so bleibt immerhin mehr Zeit zum Genießen.

Stream & Buy "Firconium"

Montag, Juli 25

Platte des Monats 07/2016: Masada - Masada LP



Band: Masada

Titel/Release: Masada/Album (Black Vinyl, Digital)

Label: I.Corrupt.Records, Dingleberry Records, Ruined Smile, Rubaiyat Records, Upwind Productions & Zine, Dont Care Records

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Screamo, Hardcore, Punk, Emo(violence)

FFO: Louise Cyphre, Daïtro, Lilith, Lost Boys, Rêche

Links: Bandpage\\//Bandcamp



Kurzinfo:

Es gibt zwei Gründe, warum Masada's selbstbetitelte Debüt-LP zu überraschen weiß: 1. Da seit ihrem Demo fast genau zwei Jahre ins Land gezogen sind und sie zwischenzeitlich fast vollkommen von der Bildfläche verschwunden war, hätte mensch die Band aus Erlangen auch leicht aus den Augen verlieren können. 2. "Masada" kann mit ruhigem Gewissen wohl als eines der außergewöhnlichsten Screamo-Alben der letzten Jahre bezeichnet werden, da es immer genau dann die Richtung wechselt, wenn mensch nicht zwangsläufig damit rechnet.
"Uneindeutigkeiten", der Opener der LP, stellt dem zu Beginn grummelnden Bass eine quietschende Gitarre zur Seite und erzeugt somit schonmal etwas Aufregung, ehe es mit dem hektischen Schlagzeug und dem wüsten Gekreische auch schon ordentlich zur Sache geht. Erst langsam rückt aus dem Instrumentengeschreddere eine harmonische Wohlfühlmelodie in den Vordergrund, die den Song zum Ende hin völlig vereinnahmt und stellenweise sogar von melancholischem Gesang begleitet wird. Bis auf den cleanen Gesang, knüpfen Masada bis hierher an jüngere Heldentaten von kishote oder Piri Reis an, die ihre berstenden Emoviolence-Attacken ebenfalls mit reichlich Melodie-Gespür aufpolieren. Und trotzdem lässt sich das nur bedingt vergleichen, da das mittelfränkische Quartett dieses Hochgeschwindigkeitsgehacke nicht über das gesamte Album hinweg ausbreiten will. Ein Song wie der kurze, düstere Krachblizzard "Schwärzester Punkt" bleibt in seiner Kompromisslosigkeit eher die Ausnahme. Vielmehr zerlegt die Band auf "Masada" den scrEaMO in seine Einzelteile, indem sie überwiegend schnelle Krachorgien und gefühlvolle Passagen wohl dosiert kombinieren und deren Anteile von Song zu Song neu gewichten. Sicherlich lassen '00er-Bands wie RAEIN oder Daïtro aus der Ferne grüßen, aber irgendwie sind auch diese Screamo-Veteranen kein 100%-iger Vergleich. Wie gesagt, Masada haben sich mit einem außergewöhnlichen Album  zurück gemeldet, das trotz der langen Zeit für seine Vollendung, eben solche nicht unnötig verschwenden will. "Defeat" und "Fragments", die Quasi-Emo-Ballade der Band, tun es dem Opener gleich und verzücken zwischenzeitlich mit emotionalen Gesang und fast schon massentauglichen Melodien. Andere Genre-Vertreter würden an dieser Stelle vielleicht eine Chance wahrnehmen, ihren Bekanntheitsradius etwas zu erweitern. Nicht so bei Masada, die fast schon schizophren und willkürlich zwischen den Polen Screamo-Emo und chaotisch-plänkelnd umherspringen, als ob die Band urplötzlich aus einer Art Trance erwacht, ehe es zu gemütlich werden könnte. Gemütlichkeit ist eben keine gute Referenz für den Punk.

DL Masada LP Here & Here

Buy LP Here, Here, Here, Here, Here & Here or via Mail to: masadapunx@gmx.de


Samstag, Juni 25

Platte des Monats 06/2016: Colored Moth - Fragmenting Tensions LP



Band: Colored Moth

Titel/Release: Fragmenting Tensions/Album (Limited Pink & Regular Black Vinyl, Digital)

Label: Twisted Chords

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Experimental Post-Hardcore, Punk, Noise, Math, Post-Rock

FFO: Drive Like Jehu, Fugazi, Paulinchen Brennt, DŸSE, Aldo Raine

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Youtube\\//Last.fm



Kurzinfo:

Ich hatte Colored Moth erst relativ spät für mich entdeckt. Glücklicher Weise nicht zu spät, denn nicht nur, dass das Berliner Trio erst kürzlich einen Repress ihrer letztjährigen EP "Ever Dared to Dream Before" (Black Vinyl w/ screenprinted B-Side, /100) veranlasste, sondern mittlerweile auch ihren ersten Longplayer "Fragmenting Tensions" veröffentlichte, der diesmal über Twisted Chords erscheint, statt dem eigenen Label LightBulb Records.
Mensch könnte fast behaupten, dass wir Hierzulande mittlerweile ein Luxusproblem im Untergrund haben, was außergewöhnliche Hardcoreformationen angeht. Pride and Ego Down z. B., die im letzten Jahr ein sehr atmosphärisches Emocore-Album veröffentlichten oder auch die kürzlich erschienene This April Scenery-LP. Von den üblichen Underground-Größen samt Inzest-Gruppierungen will ich gar nicht erst sprechen. Colored Moth haben mit den e. g. Bands nicht viel gemeinsam, außer, dass sie grob dem Post-Hardcore zugeordnet werden können und es spätestens mit ihrem Album verdient hätten, auch über die Landesgrenzen hinaus gehört zu werden. Um zu zeigen, dass auch wir hier eine freigeistliche und selbstbestimmte Szene haben, die problemlos mit der Internationalen mithalten kann und sich nicht nur aus verwöhnten und ängstlichen Spieß- und Wutbürgern zusammensetzt.
Zwar dürfte der experimentelle und noisige Hardcore der Band sicherlich nur eine bestimmte, nicht allzu große Zielgruppe ansprechen. Bands wie Converge, The Dillinger Escape Plan oder Patton'sche Auswüchse haben allerdings gezeigt, dass Band mit derartiger Musik durchaus die Tore der Welt passieren kann. Auch mit diesen extravaganten Vertretern haben Colored Moth im direkten Vergleich recht wenig gemein. Wenn überhaupt, erinnert ihr analoger und rauh-knarzender Sound an zerfahrene 90er-Jahre Noise-Rock-Combos wie The Jesus Lizard, Drive Like Jehu oder Fugazi, was die äußerst nervö(u)se Gitarren-Hook zu Beginn des Openers "Decay Accelerating Factor" gleich mal gut unter Beweis stellt. Dass sich der Song in einer tollen Melodie und prägnanten Riffs verliert, ist nur eine von vielen Facetten, die sich fortan auf "Fragmenting Tensions" offenbaren werden. "LZRDSNC", dem übrigens Svffer-Schreihälsin Leonie ihr raffsüchtiges Organ leiht, sucht anfangs noch die Nähe zum hektischen Mathcore, ehe der Song durch smoothe und fast schon spacig-schrammelige Etappen mäandert. Colored Moth geht es aber nicht darum, das altbewährte und -kannte Laut-Leise-Spiel zu zitieren. Vor allem die ruhigeren Passagen sind oftmals vielschichtiger und detailverliebter ineinander verstrickt, als die wüsten Momente des Albums. Da ist dieser spannende Post-Rock-Einstieg in "Second Sight - Craving of the Id", der von Nicole Carter Cash's (ex-Cosmic Fuzz) sanften Stimme fast schon zur träumerischen Ballade geformt wird, wäre da nicht die querzirpende und quietschende Gitarre, die den bevorstehenden Sturm artgerecht ankündigt. Hierfür konnte die Band schließlich auf die Dienste von Simon (Nervöus) zurückgreifen, der vom Trio zudem in heroische Sphären gehoben wird. Was für ein Song! Colored Moth sind aber nicht gekommen, um Erwartungen zu erfüllen. Nach einem plänkelnden Interlude ("Void"), wandelt das folgende "Power Outage Monologue" bereits schon wieder auf holprigen Shellac-Pfaden. Das ist keinesfalls ein übertriebenes Wirr-Warr, als vielmehr eine Demonstration, was zu dritt und allein mit den Rock-typischen Instrumenten so alles möglich ist. Ein Album, das auch noch nach dem zig-maligen Hördurchlauf immer noch neue Details zum Vorschein bringt. Hört euch mal allein den Titeltrack an, in dem Bass und Gitarre zeitweilig ihr eigenes Ding durchziehen, während das Schlagzeug um etwas Zusammenhalt bemüht ist, und schlussendlich doch alles wieder glücklich zueinander findet.
Vielleicht liegt es ja in der Natur der "Kleinen", dass sie sich etwas mehr profilieren müssen, um in der Masse nicht unterzugehen. Colored Moth haben das gar nicht nötig, denn sie befinden sich mindestens auf Augenhöhe mit den ganz großen Querulanten des Hardcores.

DL Fragmenting Tensions

Buy Here, Here, Here or via Mail to: colored_moth@gmx.de

Mittwoch, Mai 25

Platte des Monats 05/2016: 勢い (Ikioi) - S/T EP



Band: 勢い (Ikioi)

Titel/Release: 勢い/EP (CDr in white or black Gatefoldsleeve)

Label: DIY

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Post-Rock, Indie, Post-Hardcore, Experimental

FFO: Horse Drift, mentizid, BÄNGKS

Links: Bandpage\\//Facebook\\//Last.fm

Kurzinfo:

Es gab eine Zeit, in der das Klavier als Stimmungsmacher im Rock gar nicht wegzudenken war, selbst bei den RIO-Vertretern, wenngleich es dort eine weitaus progressivere Auslegung erfuhr. Heutzutage macht sich wohl kaum noch jemand die Mühe dieses Klimperinstrument zu erlernen, um anschließend einer im Rockbereich angesiedelten Band beizutreten (Cover-Kapellen mal außen vor). Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass vor allem Hierzulande die Auswahl relativ dünn ausfallen dürfte. Dabei lassen sich doch Emotionen wohl kaum schöner, trauriger, schauriger oder frivoler ausdrücken, als mit dem Klavier. Wer weiß, vielleicht ist das ja auch der Grund seines verpönten Stellenwertes...
Ein einsamer Wegbeschreiter ist Hauke Henkel, der bereits seit vielen Jahren immer mal wieder mit seinem Klavier unterwegs ist. Und genauso wie sein Trommel-Engagement bei den ehemaligen Manku Kapak, könnte sein reges Solo-Treiben in diesem Jahr ein jähes Ende nehmen. Stattdessen hat er sich in der jüngeren Vergangenheit gleich zwei neuen Bandprojekten gewidmet, die sich grob im Umfeld des eigenen Labels mum says;be pollite rec. bewegen. Zum Einen wäre da fljora, ein wahrlich düsteres Stück Post-Hardcore-Punk mit morbider E-Piano-Untermalung. Zum Anderen eben 勢い, - sprich Ikiora, bedeutet "Schwung" - , die den Post-Hardcore allerdings nur am Rande tangieren und das Klavier nicht nur gekonnt in Szene setzen, sondern gleich mal in den Mittelpunkt rücken. Bereits im atmosphärisch-epischen Opener "Produkt Productions Inc." ihrer selbstbetitelten Debüt-EP zieht das Klavier, mangt der stoischen Gitarre und dem immer wieder nervös anlaufendem Schlagzeug, mit eingängigen, sich ständig wiederholenden Melodien einen langen Spannungsbogen auf und den Hörer fast paralysierend in seinen Bann, mit der Gewissheit, dass dieser Spannungsbogen irgendwann reißen wird. Sieben Minuten wiegt uns das Quartett in trügerischer Stille, bis schließlich alles über einen hereinbricht, die Finger über die Tasten fegen und mit Unterstützung des Basses eine Soundwand errichten. Fast schon frivol, mit etwas Härte und reichlich Post-Punk-Spirit im Rücken, kracht plötzlich der zweite Song "Apollo Nölf" dazwischen. Vielleicht ist es ja auch als Kontrast zum folgenden "Bitter Lemming" gedacht, dass mit der Wucht des Post-Metals für einige Momente des Songs jedweilige Harmonie unter sich begräbt. Aber auch hier überbrückt das Klavier nicht nur wieder mit einer träumerischen Wohlfühl-Melodie, sondern gönnt sich mittendrin noch eine kleine, jazzige Verschnaufpause, was wiederum gut zur Überleitung zu "Kosmopilot" passt. Ein Stück, das mit seiner klassischen Untermalung und dem provoziert-dilettantischen Sprechgesang auch gut auf die Theaterbühne Platz nehmen könnte, zwischen Kabarett und bitter-böser Satire.
Das Spiel könnte ich jetzt noch auf die folgenden drei Songs herunterbrechen, sie penibel sezieren und versteckte Details entlarven, was den Rahmen eines Kurzreviews aber sicherlich sprengen würde. "勢い" hat es ohnehin verdient, dass jeder Hörer dazu seine eigenen Gedanken entwickelt, was sowohl die Instrumentierung betrifft, als auch die größtenteils sinnbildlichen Lyrics. Ich nenne es mal anspruchsvolle Experimentalmusik, die mit Hilfe der Post-Moderne den Zugang etwas erleichtern will. Dem kann mensch sicherlich auch skeptisch gegenüber treten. Muss mensch aber nicht...

Song Teaser



Montag, April 25

Platte des Monats 04/2016: Soldat Hans - Dress Rehearsal LP



Band: Soldat Hans

Titel/Release: Dress Rehearsal (CD und 2xLP in Stofftasche auf Anfrage bei der Band)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2014

Genre: Progressive Folk(core), Post-Rock, Doom, Jazz, Downtempo

FFO: The Pax Cecilia, fire walk with me!, Bohren und der Club of Gore, Gris Gris, tesa

Links: Bandpage\\//Facebook\\//Soundcloud\\//Youtube\\//Last.fm



Kurzinfo:

Glücklicher Weise haben wir hier bei Gerda nicht zwangsläufig den Anspruch immer auf den neuesten Stand zu sein. Deshalb können wir auch ganz unverfroren ein Release aus dem Jahr 2014 zur Platte des Monats April 2016 krönen.
Die Schweizer Band Soldat Hans ist seit 2013 aktiv und veröffentlichte ein Jahr später ihren Debüt- und bislang einzigen Longplayer "Dress Rehearsal". Ein Album, dass sich in seiner Komplexität und Intensität nur schwer vergleichen und in Worte fassen lässt. Auch die Band selbst stiftet mit ihrem Versuch "downtempo.jazz.folk.songwriter.doom" wohl eher Verunsicherung beim Hörer, was sich aber konsequenter Weise mit dem "Experimental-Jazz-Post-Stoner-Rock" der ehemaligen Band Verwaltzen von Gitarrist/Sänger Omar Hetata und Drummer Justin Harrison deckt. Letzt genannter spielte auch in der "Heavy-Petting Schäbi Metal Pop"-Band Tabe & Garriss. Ihr merkt, im Schweizer Ländle geht also der Freigeist um - oder einfach bloß ein paar Bands, die irrsinnig viel Spaß daran haben, sich bekloppte Bezeichnungen zu geben.
Auf Soldat Hans trifft eindeutig ersteres zu. Das Quintett + Sebastian Koelmann (u. A. Sebass) liegt mit seiner Bezeichnung auch gar nicht so verkehrt, nur, dass sich in ihrem Sound noch eine Menge anderes Zeug versteckt. "Meine Liebste; Sie zerbricht sich", der Opener, ist ein über 15-minütiges Epos, das sich mit ambienten Trompetenklängen und Keys nur bedächtig-schleppend in den Wahnsinn hineinsteigert, bis schließlich markerschütterndes Geschrei jedweilige Harmonie regelrecht wegfegt und schlussendlich fast schon in Muse'schen Falsett ausklingt. Das Schöne an derartig ausladenden Soundscapes ist, dass mensch nicht einmal zwangsläufig mit den Stücken von Mahler und Schubert vertraut sein muss, von denen einige Songs auf "Dress Rehearsal" inspiriert sind. Manchen reicht vielleicht schon ein zurückliegender Besuch der Stadt Winterthur aus, eine malerische Kulisse samt rundum liegenden, mystisch behangenen Bergen. Andere wollen vielleicht gar keine Vorgaben und kreieren sich stattdessen lieber ihr eigenes trügerisches und düsteres Szenario. Eine satanische Friedhofsmesse in etwa, die erst den Fürsten der Finsterniss herauf beschwört, urplötzlich von einer Horde Hippies gestürmt wird und in eine frivole Orgie umschlägt. Der imaginären Malerei sind in diesem Sinne auf "Dress Rehearsal" keine Grenzen gesetzt. So pendelt der Closer "Liefdesgrot" zwischen kauzigen Barjazz und monoton-hypnotischen Ufo-Geheule und findet ebenfalls erst jenseits der Zehn-Minuten-Grenzen zu einem homogenen Finale.
"Dress Rehearsal" ist der experimentelle und nostalgische Soundtrack zu cineastischem Retro-Trash und darüber hinaus ein Stück moderne Musikkunst, die mensch in dieser Form heutzutage wohl nicht mehr all zu oft antreffen wird.

DL Dress Rehearsal

Buy CD or Vinyl via Facebook or Mail to: band@soldat­hans.org

Jahres-Sampler