Donnerstag, Februar 25

Platte des Monats 02/2016: Paulinchen Brennt - Viele werden satt EP



Band: Paulinchen Brennt

Titel/Release: Alle werden satt/EP (100x Digipak-CD, Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Experimental Screamo, Post-Hardcore

FFO: DŸSE, Colored Moth, Aldo Raine, Forsthaus

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Kurzinfo:

Nach Max und Moritz ist Der Struwwelpeter wohl der größte Punk unter den Kinderbüchern. Lässt man die kindliche Naivität und die konservative Moral mal außer Betracht, lässt sich auf die jeweiligen Kurzgeschichtenprotagonisten eine Menge ziviler und gesellschaftlicher Ungehorsam ableiten.

"Doch weh! Die Flamme faßt das Kleid,
Die Schürze brennt; es leuchtet weit.
Es brennt die Hand, es brennt das Haar,
Es brennt das ganze Kind sogar.

Und Minz und Maunz, die schreien
Gar jämmerlich zu zweien:
"Herbei! Herbei! Wer hilft geschwind?
Im Feuer steht das ganze Kind!
Miau! Mio! Miau! Mio!
Zu Hilf'! Das Kind brennt lichterloh!"

Ich muss schon zugeben, dass Der Struwwelpeter in den letzten Jahren nicht gerade eine große Rolle bei der Auswahl meiner Nachtlektüre gespielt hat. Als kleiner Stippi stand er bei mir zum morgentlichen Topfmeeting allerdings hoch im Kurs. Natürlich auf Schallplatte. Dem Würzburger Trio Paulinchen Brennt kann ich daher schonmal für einen gelungenen Flashback danken.

Was will man aber über eine Band schreiben, deren Mitglieder mit Jaked Off Short And Loaded Heads bis 2013 noch eine verpönte Crossover-Metal-Band unterhielten; die mit Tending to Huey blasphemisch Indiepop, Funk und Post-Hardcore kreuzten; mit BØRLAUB ambienten Post-Rock, Folk und Postcore undefinierbar verzwirbeln; mit Die ignorierte Art spröden Singer/Songwriter-Psychedelic abliefern; und mit Cannahann ihre E**r an tonnenschweren, groovenden Stoner aufbaumeln?
Zunächst einmal, dass ihnen mit ihrem taufrischen neuen Projekt scheinbar noch immer nicht die Ideen ausgegangen sind. Aus Paulinchen Brennt's Debüt-EP "Viele werden satt" lässt sich demnach zwar zunächst weniger ziviler, dafür umso mehr musikalischer Ungehorsam ableiten. 
"Viele werden satt" ist eine Odyssee an die Grenzen, um herauszufinden, was möglich ist, ohne dabei das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Der Opener "The fish that can't be caught" geleitet vorerst behutsam und mit melancholischen Gitarrenspiel in einen dunklen Raum, ehe er schließlich immer mehr an Fahrt aufnimmt. Hier offenbart sich bereits Paulinchen's Affinität für's strukturierte Chaos, woraus sich letztendlich vielleicht auch das Bandkonzept heraushören lässt, nämlich, mit sämtlichen Post-Hardcore-Klischees zu brechen, ohne dabei an Ernsthaftigkeit einzubüßen. Klar, wer einen Song über den Hairstylisten von Lady GaGa schreibt, birgt sicherlich auch ein gesundes Maß an Selbstironie in sich. "Michael Pooter" ackert sich zunächst hektisch durch stotternden und keifenden Post-Hardcore, ordnet dem Ganzen eine cleane Gesangsspur unter und entführt zum Ende hin fast schon monumental in eine fremde Galaxie. "Viele werden satt" setzt der imaginären Malerei in dieser Hinsicht keine Grenzen. Auch wenn die Band nach eigenen Angaben "Geschichten über Hexerei, planetares Bewusstsein und Besessenheit galant durch den Äther schickt", muss ich stets an den Film "Dark Star" denken, was nicht nur an den eingeschobenen Laser-Synthies im folgenden, äußerst schizophren umherspringenden "Oberon, Titania, Miranda" liegt oder der unterkühlten Atmosphäre in "Pyramids in Uranium", das sich nach zwei Minuten Geplänkel erst einmal selbst eine kreative Auszeit nimmt und Dürrenmatt's "Physiker" zu Worte kommen lässt. Beide Meinungen müssen sich ja auch nicht vollkommen voneinander ausschließen, wie das abschließende "Gold und Schoß" unter Beweis stellt, das zu Beginn erst noch gute Laune á la Macky Messer verbreitet und zum Ende hin doch wieder in alte Hardcore-Gewohnheiten verfällt.
Das klingt dann summa summarum nach ziemlich viel gewollt und vermag den gemeinen Post-Hardcoreler sicherlich auch an einigen Stellen zu verärgern, vielleicht sogar zu vergraulen wissen. Aber wie auch shon in den meisten iher o. g. Vor- und Nebenprojekten, vestehen es auch Paulinchen Brennt dem experimentellen Wahnsinn fast immer auch eine treibende und hängen bleibende Melodie zu entlocken.

Aufgenommen und abgemischt hat das gute Stück übrigens Ralf Rossbach (u. A. Thoreau und Bait), das Digipak wurde von der Band in Eigenregie veröffentlicht.


DL & BUY Digipak-CD


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