Donnerstag, Oktober 30

Die Bandcamp-Punks Vol. 23

Ken Sent Me



Gegensätze ziehen sich an, und dass Lärm und Schönklang wunderbar harmonieren können, wissen wir spätestens seit The Paper Chase oder Times New Viking. Mit beiden Bands haben Ken Sent Me nicht wirklich viel gemein, denn anstelle einer ums Überleben kämpfenden Violine oder bis ins Störgeräusch hinein verzerrte Gitarren, lassen es die beiden Hessen Tim und Fab vielmehr ganz gewaltig krachen unter ihrer chorverliebten Oberfläche. Grollende und schneidende Gitarren, kantige Riffs und ein stampfendes Schlagwerk, die eigentlich eher am Melodic-Hardcore-Punk ihrer gemeinsamen Vorband Honolulu Breakdown (höre HIER & HIER) erinnern. In Kombination mit dem mehrstimmigen Gesang, der sich zu frenetischen Chören vereint oder fast schon A-cappella-mäßig auseinander driftet, erzeugen die Songs ihres ersten Full Lenghts "Home is Where Your Heart is" so eine sonderbare Wirkung. Während einen die eingängigen Gesangslinien also in die schwelgerisch-unbeschwerte Sommerzeit zurückziehen und somit am leichten Gute-Laune-Punk der Rollergirls oder ehemaliger It's Not Not erinnern, verlangt die verhältnismäßig harte Instrumentierung viel Körpereinsatz im Moshpit ab. Fang Island beispielsweise, spielten mit einen ähnlichen Kontrast, wenngleich auf einem anderen Spielplatz. Und so haben auch Ken Sent Me hörbaren Spaß daran, Gegensätze auf Hausmannsart zu verknüpfen, wie im Song "A Ride and a Crash", der neben stürmischen Riffs und rastlosen Drumming auch chillige Reggae-Gitarren unterbringt, oder "Hmm Yes, Rather Quite", der aufgrund seiner gegenläufigen Gesangsspuren wie zwei sich überlappende Songs klingt. Und "Historical Site" und "Contrails" bewegen sich eigentlich näher am Melodic Hardcore. Die Skatepunkers und das Less Talk, More Records-Label sind sich aber einig, dass man das Ganze getrost unter der Überschrift Skatepunk zusammenfassen kann. Wer will da schon widersprechen?!
Das digitale Release von "Home is Where Your Heart is" liegt zwar schon über ein Jahr zurück, ist aber noch immer als Spendendownload über der Bandcamp-Seite des Labels verfügbar. Ob es irgendwann auch in physischer Form erhältlich sein wird, hängt von euren Spenden ab oder kann via Mail an lesstalkmorerecords@gmail.com hinterfragt werden. Bei dieser Gelegenheit könnt ihr euch auch gleich mal Ken Sent Me's Debüt-EP "Tool Assisted Speedrun" zulegen (lese HIER).

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DL Home is Where Your Heart is


Astro Cowboy

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Die Situation kennt bestimmt jeder: Du hörst eine neue Band und auf anhieb kommt dir ihr Sound vertraut vor, mit jeden Song mehr, doch du willst einfach nicht darauf kommen, woher. So bei mir geschehen, als ich kürzlich auf das amerikanische Duo Astro Cowboy stieß. Mittlerweile weiß ich, an wen mich die Band aus Wilmington, NC stark erinnert und warum es mir nicht gleich eingefallen ist. Astro Cowboy bewegen sich in der Schnittmenge von Garage und Indie-Pop, klingen dabei aber wesentlich britischer, denn amerikanisch. Das erinnert in erster Linie an relevantere und somit frühere Strokes. "Rick Nandise", der letzte Song ihrer Debüt-EP "Rat-Man Vann", lotste gar The Kooks auf den Referenzplan. Auf ihrem ersten Longplayer "Hedonism Colloseum" übernimmt diesen Part der Song "Suntan". Diese Aspekte zusammengefasst, könnte man nun also charmanten Anstands-College-Rock erwarten, der seinen jugendlich-rebellischen Freigeist mit viel Pop-Melancholie umschmeichelt. Im Falle von Astro Cowboy ist das allerdings nur die halbe Wahrheit, denn allein Travis Harrington's leicht kratziger, stets frenetischer Gesang, legt über all das eine dezente Punknote. Epische Songs wie "Math Class (Is a Blast)" oder "Sleeptime" dienen ihm somit gar als Spielwiese für seine willkürliche und fast schon chansonistische Entfaltung, während der knackige Opener "White Shoes" und "Stare" von ihm rotzig vorangepeitscht werden.
Astro Cowboy wickeln den Hörer mit einem nostalgischen Sound um den Finger, der nicht den Anspruch erhebt neue Ufer entdecken zu müssen. Wem allerdings gerade die eingangs erwähnten Referenzbands mittlerweile so ziemlich egal geworden sind, findet hier vielleicht eine passende Alternative für die Zukunft.

DL Hedonism Colloseum LP
DL Rat-Man Vann EP

Buy Tape Here or via Mail to: fixtheflood@gmail.com


Pete is Drunk

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Der Bandname ermöglicht zunächst Assoziationen zu einer mathigen Post-Punk-Band. Allerdings hat der Leipziger Fünfer Pete is Drunk damit recht wenig am Hut. Im Januar dieses Jahres erschien mit "The Early Years '77-'79" das zweite (digitale) Release der Band, dessen Opener "A Little Story" mit heavy Riffing und wütenden Gangshouts gleich mal die grobe Marschrichtung der EP vorgab. Old-schooliger Hardcore-Punk also, dessen Vorbilder überwiegend in den 80ern zu finden sind. Bands wie Sick Of It All oder Poison Idea pflügten damals schon das Genrefeld sorgfältig um und ließen kaum Schlupflöcher übrig. Pete is Drunk haben daher einen äußerst nüchternen Blick auf die Dinge, verschwenden nicht viel Zeit mit wehleidiger Nostalgie, noch verweigern sie sich stur dem modernen Zeitalter. Der, der Vergangenheit anhaftende, staubige Gedanke wird mit einer scheppernden und soliden Produktion weggeblasen. "Kaffeekränzchen" liebäugelt mit Modern-, wenn nicht sogar Post-Hardcore; "Punkrokk1" startet mit einem Knight-Rider-Gedächtnis-Riff; und "Gettin' It Done" bedient sich beim Melodic Punk/Hardcore.
Zählt man das alles zusammen, entpuppt sich "The Early Years '77-'79" als kurzweiliges Sieben-Gänge-Menü, das den Weg auf ein physisches Format schon längst gefunden haben sollte.

DL The Early Years '77-'79 EP
DL Demo 2K11


When There Is None

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Als Unterscheidungszeichen trägt der Verwaltungsbezirk Aachen das Kürzel AC im Kfz-Kennzeichen. When There Is None könnten sich daraus - wenn sie denn wollten - eine lustige Kombination für ihren Tourvan basteln, worum sie sicherlich eine Menge Punkbands beneiden würden. Ein derartiges Hassprogramm will das Quartett aus der niederländisch-belgischen Grenzregion aber gar nicht erst starten. Warum auch?! Im und rund ums stetig anwachsende, beheimatete AZ machen das schließlich schon genug andere Gruppen (u. A. The Six Bullet Plan, Be!Tiger, Mexican Wolfboys, White Hand Gibbon, uvm.). Ohnehin versuchen When There Is None dem Alltagssound zu entfliehen, indem sie den kräftigen und rauhen Gesang ihres Frontmannes nicht zwangsläufig in die klamme Baracke verbannen, sondern vielmehr einen heiteren Gainesville-Background verschaffen. Emotionale Texte, statt stures Parolengekloppe, sinnbildlich und nicht selten in Seemannsromantik verpackt, die nicht nur das Cover ihrer zweiten LP "Warpaint" ziert, sondern auch schon als wiederkehrendes Merkmal auf dem selbstbetitelten Debüt-Album zu finden war. Im Gegensatz zu diesem, entpuppt sich "Warpaint" - nunja - als wesentlich reiferes Werk. Ob die Band das nun gerne hört, beabsichtigte oder eben nicht - die Produktion der zwölf Songs auf "Warpaint" klingt voller und steuert ein ganzes Stück weiter gen Alternative, denn kratzigen Punkrock. Ex-Comadre-Chef Jack Shirley, der sich um den Mix und das Mastering verantwortlich zeichnete, ging nicht nur grob mit dem Staubsauger drüber, sondern polierte einige Stellen fast schon auf Stadionrock-Glanz.  Der Opener "The Sea is My Sister", "Embers" oder "Tiger Lungs" bedienen von hymnischen Refrains, etwas Melancholie und country-esque gniedelnden Gitarren alles, was bereits The Gaslight Anthem vor einigen Jahren zu würdigen Bruce-Springsteen-Erben empor schießen ließ. Dass When There Is None dennoch mit mindestens einem Bein fest im Punkrock stehen, haben sie nach wie vor dem heiseren Organ ihres Sängers zu verdanken, den immer wieder einspringenden Chören und vor allem dynamischen Songs wie "Control", "Mrs. Black Milk" und dem tollen "Almost Right Words".

Mit "Warpaint" sind die Aachener auf dem beheimateten Label Rockstar Records gelandet, das derzeit eine Vinyl- und CD-Variante des Albums plant.

DL & Buy Self Titled LP

DL "Warpaint" LP


Pissed Resistance

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Als "mostly manly gay jazz fusion punk rock" bezeichnen es Pissed Resistance selbst. Verwurschtelter Rock, der eine Menge Freigeist atmet und somit den Punk genau auf den Kopf trifft, fällt mir dazu ein. Es bringt rein gar nichts, sämtliche Stile aufzuzählen, die die Band aus Brighton auf ihrem Album "The Lost Path of Pissed Resistance" mehr oder weniger unterbringt, denn oftmals verpuffen diese schon wieder im Ansatz. Reggae, Surf, Garage, Fusion - alles dabei und höchst eigenwillig ineinander verknotet, wie es den vier Engländern gerade so in den Sinn kommt. Colin Rogers' Gesang erinnert dabei nicht selten an die seltsamen Entgleisungen von Serj Tankian, nur, dass Rogers' drei Mitstreiter eben keinen übertriebenen Bombast zelebrieren müssen. Pissed Resistance reicht die klassische Gitarre-Bass-Drum-Besetzung vollkommen aus, um pures Chaos walten zu lassen oder ihrem Frontmann rockige und groovende Melodien zu servieren, die bis auf wenige Ausnahmen ohnehin durch den eigenwilligen Gesang marginal in den Hintergrund rücken. Das kann bisweilen mächtig Spaß machen, aber auch ganz schön an den Nerven zerren. Ein kurzweiliges Album ist es allemal.

DL The Lost Path of Pissed Resistance


Tjibbalito

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Und aus der Mitte entspringt eine neue Band: Tjibbalito sind Mitglied des jüngst zusammengerauften, schwedischen Musikerkollektives Come On Booking und teilen sich ihre Protagonisten u. A. mit I Love Your Lifestyle und Trachimbrod. Mit Emo-Pop und Screamo hat der Sound ihres Alter Egos Tjibbalito nun aber nicht wirklich viel gemein. Die Band aus Jörköping tobt sich vielmehr in eingängig schrammelnden Garage-Punk aus, mit reichlicher Fuck-off-Attitüde. "Tjibbalito 1.0", lautet der Titel ihrer im Februar erschienenen Debüt-EP, die fünf Songs beherbergt und anstelle von neuen Impulsen eher einen nostalgischen Flashback liefert. Das eingängig schrammelnde "Sofiero" und das folgende "Davve got a BH" mit Dauerschleifenriff, erinnern am spröden Noiserock ehemaliger Mclusky; "Rockadeo" am wahnsinnigen Gekeife viel zu vorzeitig aufgelöster Test Icicles; und der Closer "Breakfast" an verzerrtere, aber mindestens genauso gut gelaunte Hives. Alles in einem heruntergeregelten Sound, der selbst die Bezeichnung Lo-Fi noch unterbieten kann und scheinbar auch will.

DL Tjibbalito 1.0 EP


Emma Stoned

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Ein Bandname, der adoleszenten Pop-Punk á la New Found Glory vermuten und dazu ein EP-Cover, dass kitschigen Horrorpunk befürchten lässt. Dass sich letztlich hinter diesen Vorurteilen eine Band verbirgt, die eben genau das nicht ist, kann einen da schon kalt erwischen. Zwar verpasst das bayerische Quintett aus Hof dem Marschmusikklassiker "It's a Long Way to Tipperary" einen twangigen Fun-Punk-Anstrich, holt mit den übrigen drei Songs ihrer selbstbetitelten Debüt-EP ansonsten in eine ganz andere Richtung aus. Der treibende Opener "Hide and Seek" könnte auch ein verloren geglaubtes Juwel aus der Hit-Schmiede von Billy Talent sein, der den Sprung auf's Album lediglich deshalb verpasst hat, weil sich die vier Kanadier mal wieder nicht zwischen Alternative, Punk und Post-Hardcore entscheiden konnten. "Insomnia" schließt sich dieser Referenz nahtlos an und füllt die Zwischenräume im Refrain mit reichlich Theatralik aus. Kurz: "Emma Stoned" klingt in erster Linie nach routinierten Streber-Punk/Alternative, der einer klaren Linie folgt und mit einer fetten Produktion auftrumpft. Emma Stoned sind aber keineswegs die verwöhnten Söhne reicher Eltern, die aus Langeweile heraus mal eben schnell eine Band gründen und somit ihren Lebensläufen wenigstens etwas Inhalt aus eigener Kraft beisteuern. Im Juni startete die Band eine Crowdfunding-Aktion (mittlerweile erfolgreich beendet), mit der die fünf die Produktion ihrer kommenden EP im, u. A. von Jan Kerscher (u. A. bei Like Lovers) mitbegründeten, Ghost City Recordings Studio finanzieren wollen.

DL Self Titled EP

Bigcartel


 Urinprobe

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Man könnte doch eigentlich meinen, dass heutzutage niemand mehr so alternativlos sein müsste, wie es einem die Band Urinprobe eintrichtern will. Das Quartett aus Vechta hat die 80er Jahre scheinbar nicht überlebt und sich dennoch irgendwie in der unheilvollen Gegenwart verfangen. Denn, so viel steht fest, eine "Zeitmaschine" ist für die Jungs auch keine Lösung. Alkohol allerdings auch nicht, obwohl die Stimme von Sänger Heiko da eine andere Sprache spricht. Urinprobe stehen mit der großen, einstigen Deutschpunkrevolution vor deiner Tür und kotzen dir so richtig angepissten und -geekelten, dreckigen und bierdunstenden Assi-Punk in die Fresse, der sich einen Dreck um Konventionen und Harmonien schert. Dagegen klingt das letzte Slime-Album wie niedlicher Pop-Punk, und die müssten es eigentlich besser wissen. Keine Musik für Schönwetter- und Hipster-Punks also, oder wie die Band sie selber nennt: "Zahme Punx". Eine derart authentische Band wird man in der Gegenwart wohl nur noch selten antreffen. Obwohl...Mann kackt sich in die Hose nehmen ja bekanntermaßen auch kein Blatt vor den Mund.
"Hetzjagt" - nach den beiden Demo-CDr's "Reingepisst und Runtergeschluckt" & "Endstation Freitod", sowie der Split-CD "Vechta Asozial" mit den Osnabrücker Straßenpunks Pofax XY das vierte selbstveröffentlichte Release der Band - kommt als pissgelbes Tape mit Sticker und Button, für asoziale fünf Mark (inkl. Porto).

 DL Hetzjagd Tape

Buy Tape Here & Here or via Mail to: urinprobe-punk@web.de


Frau Hölle


Mit knapp 19.000 Einwohnern ist Schopfheim nich gerade der Nabel der Welt. Dennoch hat sich dort in den letzten Jahren eine beachtliche DIY-Szene entwickelt, deren Angehörige ihrer Stadt oder zumindest den umliegenden Landkreisen schon seit geraumer Zeit die Treue schwören. Musikalische Überschneidungen, Experimente und gegenseitige Aushilfen sind nicht nur vorprogrammiert, sondern auch eine willkommene Abwechslung, wie man zusammengewürfelten Gruppen wie den Orgel-Punks Peng! Peng! oder den Folk-Punks Between Owls durchaus anhören kann. Einen kleinen Überblick verschafft der kürzlich erschienene Sampler "Monsters of the Black Forest", der unter dem Motto "Support Your Local Scene! Fight Fascism! Love Monsters!" in einer zweitägigen Sause sein Release feierte. Unter den Sampler- als auch Festival-Gästen waren auch The Maladroits, der wohl bekannteste aktive Output Schopfheims, und The Brannigans (unsere Platte des Monats 06/14), aus deren gemeinsamer Liebschaft das taufrische Inzestprodukt Frau Hölle entstand. Die beiden ersten Songs "Walking Tall" und "Painlight", die auch auf dem Sampler zu finden sind, klingen zunächst nach recht eingängigem Punkrock mit dezent aggressiver Note im Gesang. Die Gitarre gniedelt sich um den Verstand, beißt und balzt, während das druckvolle Schlagzeug Takt für Takt in den fließenden Sound meißelt. Das hat nicht wirklich viel mit dem Garage-Punk beider Hauptbands am Hut, lässt aber durchaus ihre Melodieverliebtheit durchschimmern. Die unverschönte, aber mitreißende Liveaufnahme beider Songs lässt da nur erahnen, wie geil das erst live und in Farbe reinknallt. Bitte mehr davon.

DL Walking Tall 7"

DL Monsters of the Black Forest Sampler

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