Montag, Oktober 7

Der Bandcamp-Hardcore Vol.17

La Casa Fantom:

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Dass zwei Musiker manchmal mehr Krach machen können als eine ganze Kapelle, wissen wir hierzulande spätestens seit Dyse. Das norwegische Duo La Casa Fantom bewaffnet sich lediglich mit Bass und Schlagzeug und führt diese auf's dronige Schlachtfeld, um mit ihnen zermalmende Hirnf**k-Orgien zu feiern, die je nach Belastbarkeit des Hörers entweder zum Hirntod oder zum Höhepunkt führen. Ihr 2001er Debüt "Serum" spielten sie noch mit einem Drumkit und einem 4-Track-Tape-Recorder ein und wurde im heimischen Wohnzimmer aufgenommen. Mittlerweile besitzen die zwei Osloer nicht nur ihr eigenes Tonstudio, sondern basteln sich für die dronigen Klangmonstren ihre eigenen Amps zusammen. Das bringt zwar mehr Wumms, aber nicht unbedingt mehr Ordnung ins Chaos. Vom Experiment etwas entrückt und gleichzeitig den klaren Strukturen annähernd, kam ihr 2011er Album "Selection by Elimination" daher, auf dem ihre Affinität zu Metal, Punk und Hardcore bislang am deutlichsten hervor schimmerte. Bis 2012 schließlich "Feed My Silence", das in seinem Titel dennoch arglistig über den Albuminhalt hinweg täuscht, einen noch größeren Schritt Richtung Zugänglichkeit wagte. Natürlich immer noch alles andere als leicht verdaulich, in jedem Fall aber höchst interessant und spannend. Ihren Stil übrigens bezeichnen Lars und Bård als "Drum'n'Bass". Auch das ist arglistig.


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Our Man in Marrakesh:

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"Our Man in Marrakesh" lautet der Originaltitel einer 1966 entstandenen Verwechslungskomödie u. A. mit Senta Berger und Klaus Kinski. Our Man in Marrakesh lautet auch der Bandname einer deutschen Post-Hardcore-Truppe, die in den Jahren 2010 und 2011 aktiv war. Trotz ihrer Kurzlebigkeit hinterließ die Band praktisch zeitgleich mit ihrer Auflösung ihr Debüt- und gleichzeitig auch einziges Release, welches seit je her auf Bandcamp zum Free-Download zur Verfügung steht. Vier Songs befinden sich auf ihrer S/T-EP, in denen die Jungs wahnwitzige, mathige Sprunghaftigkeit á la Dillinger Escape Plan mit der progressiven Unberechenbarkeit von Protest the Hero vermengen. Das hat man in dieser Art hierzulande selten so gehört, und somit ist es nicht nur verwunderlich, sondern vor allem auch verdammt schade, dass sie sich nach so kurzer Zeit wieder trennten. Immerhin haben sich die Mitglieder mit Bands wie Cannon for Cordoba und The Tidal Sleep nicht vollkommen von der Musik verabschiedet.

DL S/T EP

Snakes & Lions:

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In ihrem Bandnamen stellen Snakes & Lions aus dem Raum Wiesbaden die Attribute GUT und BÖSE gegen einander auf. In ihren überwiegend persönlich gehaltenen Texten verhält es sich ähnlich, indem sie Schicksalsschläge, innere Konflikte und Ängste in ihren düsteren und bedrohlichen Songs auftürmen, die aber nicht immer nur Hoffnungslosigkeit oder Depressionen hinterlassen. Manchmal etwas zähflüssiger, an anderer Stelle dafür pure, in Melodie umgewandelte Energie und somit vor allem für Fans von Defeater, La Dispute & Co. zum Weiterhören empfohlen. Kurz vor ihrer September-Tour, die die Band u. A. nach Ungarn, Kroatien, Italien und Frankreich lotste, erschien ihre zweite EP "Among Falling Stars and Rising Tides", die man sich derzeit noch für eine festgeschriebene Ablöse von 5,- EUR über Bandcamp saugen kann. Nach der Tour soll diese ebenfalls als Spendendownload erhältlich sein und somit dem Prinzip ihrer "Untitled"-Debüt-EP und dem "Waterfront Demo" folgen. Alternative: kauft euch das auf 50 Stück limitierte, handnummerierte Tour-Tape,  das zusätzlich noch die "Untitled"-EP beinhaltet und ebenfalls lasche 5,- EUR kostet.


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Svffer:

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Eigentlich dürften die Credits schon ausreichen, um den geneigten Hörer mindestens zwei offene Ohren abzuverlangen: Da wäre zum einen Die Tonmeisterei, die abermals dem hoffnungsvollen Hardcore-Nachwuchs einen würdigen Einstand bescherte; veröffentlicht wird ihre Debüt-7inch (100x weiß, 400x schwarz) über Vendetta und Narshardaa sowie als Tape über Colossus Tapes; involviert sind u. A. Mitglieder von Unrest und Alpinist. Das Quartett Svffer aus Münster spielt emotional düsteren und depressiven Hardcore, der hakenschlagend und mit Affenzahn Richtung Grindcore und Emoviolence rast. Für dieses Jahr ist außerdem eine Split mit den Plauener Hardcore-Punks Tsarweather (Free-DL HIER, kaufe HIER) geplant, die ebenfalls über Vendetta erscheinen soll. Die Frage, welches Geschlecht sich hinter dem Mikrofon verbirgt, dürft ihr gerne selbst herausfinden.


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Øjne:

  

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Wow! Was für ein HAMMER-Debüt, um es mal im Slang jugendlicher Euphorie auszudrücken. Das italienische Quintett Øjne aus Mailand existiert bereits seit 2011 und schaffte es bis Mitte 2012 auf fünf eigene Songs, die sie in Eigenregie aufnahmen. Mit freund(schaft)licher Unterstützung der beiden Labels Stereo Dasein (u. A. Vertrieb-Label von Hauke Henkel und Manku Kapak, Free-DL's HIER) und Pike Records wurden diese nun auf die Debüt-EP "Undici/Dodici" gepackt. Mit ihrem Mix aus herben Screamo und Post-Hardcore setzen Øjne zwar auf altbewährte Strukturen, sodass man nicht einmal großartig außerhalb der italienischen Landesgrenzen nach Referenzen suchen muss, denkt man an Bands wie La Quite oder Raein. Dennoch stellen Øjne ihr Talent für eingängige Melodien eindrucksvoll unter Beweis, die sie mit vielen Breaks und überraschenden Wendungen aneinander reihen. Bestes Beispiel (und vielleicht auch bester Song) ist der Opener "Glasgow", der in seinen fünf Minuten Spielzeit von schreddernd bis melancholisch dermaßen viele Phasen durchläuft und sich schließlich zum furiosem Finale hochschaukelt. Im Oktober/November 2013 soll "Undici/Dodici" in Kooperation mehrerer Labels auch auf Vinyl erscheinen.

DL Undici/Dodici EP Here & Here

Awake the Mutes:

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Mal wieder etwas Metalcore gefällig? Hier, bitte schön! Das Mainzer Quintett Awake the Mutes hauchen dem in Verruf geratenem Genre zwar nicht unbedingt neues Leben ein, versuchen es aber immerhin wieder ein Stück weit ins rechte Licht zu rücken. Genrefans freuen sich über wuchtige Breakdowns und fieses Geshoute, technisch versiert und druckvoll aus den Boxen quellend. Gelegentlich mit Chören, die vor allem die melodischen Parts anfeuern. Sechs Songs beherbergt ihre diesjährig erschienene zweite EP "Changes", bei dessen Opener "Less Thinking" Simon Friedl, Frontmann der Darmstädter Hardcore-Punk-Truppe Nothings Left, mitmischte.



DL Changes EP Here & Here

This April Scenery:

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Nach dem Album ist vor dem Album. Mitte letzten Jahres debütierte das Düsseldorfer Quartett This April Scenery mit ihrem Album "Absence Makes the Heart Grow Fonder" (Stream & Buy HIER). Ein Album, das es sich in den Bereichen Indie, Progressive, Shoegaze und Emo(-core) gleichermaßen gemütlich machte und die Band somit vor allem sturen Stil-Puristen sicherlich einige Falten auf die Stirn zauberte. Für diejenigen hingegen, die das Verschwimmen von Grenzen, das Einbetten von eingängigen Melodien und leicht unterkühlter Atmosphäre in komplexen Strukturen als Herausforderung annahmen, notierten sich This April Scenery auf ihren Merkzettel. Fast ein Jahr mussten diese nun auf ein Lebenszeichen der Band warten, bis sich diese im März 2013 mit einer neuen EP zu Wort meldete. "Concrete Garden" zählt zwei neue Songs (plus vier Remixe des letzten Songs "The Electric Girl"), die nicht nur als Anheizer für ihr kommendes Album ins Rennen geschickt werden, sondern dessen Erlös aus dem Spendendownload auch direkt in die Produktion einfließen soll. In veränderter Formation erfindet sich die Band zwar nicht neu, wirkt stellenweise aber etwas fiebriger und ausschweifender als auf ihrem Debüt, nimmt dabei den stürmischen Fahrtwind von Circa Survive auf und erinnert an handzahme Fall of Troy oder weniger nervöse Mutiny on the Bounty. "Concrete Garden" gibt's physikalisch in sympathischer Demo-Selfmade-Variante. Wer das Debüt-Album als CD bestellt, bekommt kostenlos den Midsummer-Sampler "Listen Up, Kids! Vol.10" (siehe HIER) mit ins Haus geliefert.


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Hyëna:

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Ob es nun gewollt war oder nicht, oder einfach bloß billigend in Kauf genommen, dass sich das Quartett aus dem AJZ-Bielefeld-Umfeld wohl am treffendsten mit den Eigenschaften des im Namen getragenen Raubtieres beschreiben lässt. Leben müssen sie damit spätestens seit ihrer Debüt-7" "Breathing Death Rotting Flesh", ein dreckiger und räudiger Hardcore-Punk-Bastard, der sich mit arglistig schleppendem Doom an seinen Opfern heranschleicht und mit angriffslustigen Riffs über sie herfällt. Mit "Schemes" versuchen sie nun etwas größere Beute anzulocken, ködern die Hardcore-Gemeinde zusätzlich mit einigen Powerviolence- und Trash-Einlagen und servieren ihr 13-Gänge-Menü in Windeseile. Wie schon mit ihrer 7", die über das von Sidetracked-Mitgliedern gegründete Label Rising Riot Records erschien, schlafen sich Hyëna auch mit ihrem ersten Album durch die kleinen DIY-Label und hinterlassen dort wo es gerade passt ein physikalisches Release. So erschien das auf 50 Stück limitierte und bereits vergriffene "Schemes"-Demotape über Puzzle Records, wohingegen das geplante Vinyl im Herbst 2013 die Release-Disco von Fucking Kill Records und Sengaja Records um einen Eintrag erweitern soll. 


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Å∫†:

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Zeitgleich mit der Veröffentlichung der Debüt-EP "Discovery" der Würzburger Screamo-Band Dearest, feierte das kleine Ulmer Label Alcoves Records (u. A. JTZT!, Mahlstrom) gerade erst seinen ersten Geburtstag. Bereits kurz zuvor war zu lesen, dass die beiden Label-Betreiber auch an dem Debüt ihrer eigenen Band arbeiten, welches schließlich im August als Spendendownload auf Bandcamp erschien und später auch als Tape seine physikalische Vollendung fand. Mit ihrer S/T-EP setzen Å∫† nun ein dickes Ausrufezeichen und zeigen, dass sie nicht nur mit der Auswahl ihrer Labelsprosse ein treffsicheres Händchen beweisen. Droniger Black Metal, der in seiner reduzierten Art und dem immer wieder aufquellendem Bollwerk ein flaues Gefühl im Bauch hinterlässt und sich somit im Stromschnellen-ärmeren Fahrwasser von Nachtmystium wohl fühlt. 


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Außerdem

Citizen:

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Die einen sagen Grunge, die anderen Emo, während sich die Band selbst vom Alternative beeinflusst sieht. Immerhin lässt die Zeitangabe, die in etwa in den 90ern liegen dürfte, die getrennten Lager gemeinsam in den Armen liegen. Dem jungen Quartett aus Michigan dürfte dieser Umstand egal sein, solange sich die Leute überhaupt ihren Kopf über ihre Musik zerbrechen. Und das tun sie nicht erst seit ihrem ersten Album "Youth", dem dritten Citizen-Release auf Run for Cover Records. Mit dem Opener "Roam the Room" kommt das Album recht dynamisch aus den Startlöchern und platziert mangt dem melancholischem Gesang ein paar gezielte Shouts. Titel wie "The Night I Drove Alone" oder "Figure You Out" zeigen aber auch, dass eben nicht alles so flauschig gemütlich ist, wie einem das Cover weismachen will. Spätestens wenn Sänger Mat Kerekes im Song "Sick and Impatient" mit sanft flehender Stimme fragt "WILL YOU SAVE MY LIFE TONIGHT?", dann geht das mindestens genauso unter die Haut wie Brand New's Song "Limousine", wo mit den Worten "THIS SIGNAL INTERRUPTS MY BABY'S FREQUENCY..." plötzlich alle emotionalen Dämme eingerissen werden. Nur kriegen das Citizen eben wesentlich eingängiger hin, ohne Ausschweifungen oder künstlichem Bombast, dafür mit jugendlicher Unbeschwertheit und der Selbstsicherheit für Ohrwurm-Melodien. Ein leicht konsumierbares Album für die wärmeren Tage im Jahr, was euch allerdings nicht davon abhalten soll, "Youth" trotz Einzug des Herbstes anzutesten.


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O' Brother:

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Mit ihrem 2011er-Debüt-Album "Garden Window" setzte die fünf-köpfige Band aus Atlanta bereits ein beachtliches Ausrufezeichen, hielt sich mit ihm aber auch mehrere Möglichkeiten für das zweite offen, dem Fans nun entweder mit großer Vorfreude entgegen fieberten oder sie mit starker Befürchtung zittern ließ. Was es letztendlich auf "Disillusion" zu hören gibt, dürfte beide Parteien gleichermaßen erstaunen lassen, denn das Album erweist sich als klares Statement der Band, sich weder auf ihren Status ausruhen, noch irgendwelche Post-Hardcore-Klischees bedienen zu wollen. Somit ist es auch gar nicht weiter schlimm, dass der überfüllte Schnellzug um Passagiere wie Touché Amoré, Modern Life is War, Defeater & Co., spurlos an O' Brother vorbei gezischt ist. "Disillusion" ist ein atmosphärisch düsterer und komplexer Brocken geworden. Kein Hardcore-Album für Zwischendurch, sondern eines, dass vom Hörer die selbe Hingabe fordert, mit der O' Brother dieses Album ausgetüftelt haben. "Parasitical" und "Transience" sind dabei vielleicht die einzigen beiden Songs, die man vom Albumkonzept losgelöst und separat konsumieren kann. Die rsetlichen acht Songs würden eher wie herausgerissene Fetzen wirken, denen man der nötigen Zeit zur nachhaltigen Entfaltung beraubt hätte. Dass "Disillusion" zu keiner Zeit statisch wirkt, ist neben der gekonnt in Szene gesetzten Instrumentierung vor allem Sänger Tanner Merritt zu verdanken, der nicht nur zeigt, dass er die Zähne fletschen kann, sondern im Opener "Come Into the Divide" und letzten Song "Radiance" mit seiner Stimme die Umlaufbahn verlässt. "Disillusion" ist definitiv ein Highlight des Jahres 2013.


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