Montag, April 18

Wiederhören: Mansun - Six



Im Vereinten Königreich scheint im musikalischen Sinne alles erlaubt zu sein, solange es nicht die Poptauglichkeit untergräbt. Die Rede ist vom Britpop, der seine Inspiration aus vergangenen Rock- und Pop-Größen wie The Beatles, The Rolling Stones und The Kinks zog und von Vertretern wie Oasis, Suede oder Radiohead in die Radiosender sämtlicher Kontinente getragen wurde.
Als Mansun 1997 mit ihrem Debüt-Album "Attack of the Grey Lantern" sogar die zu dieser Zeit als unantastbar geltenden Blur vom Chart-Thron stürzten und die Britpop-Hörerschaft zudem nach Veränderungen lechzte, schienen die Sterne für die vier Newcomer aus Chester gerade richtig zu stehen. Somit war es nicht verwunderlich, dass die Band nur anderthalb Jahre nach dem nationalen Erfolg ihres Debüts mit ihrem zweiten Album "Six" nachlegten. Und auch, wenn sich Mansun darauf zwar nicht um 180° drehten, zeigte es dennoch eine Band, die wesentlich mehr zu bieten hatte, als der verwöhnten Hörerschaft ohrumschmeichelnde Pop-Hymnen zu servieren. Doch spätestens als diese merkte, dass nicht nur an den für's Radio zurechtgeschnittenen Single-Auskopplungen zu "Negative", "Legacy", "Being a Girl" und "Six", sondern vor allem am gesamten Album ein konzeptionell-umfangreicher und ein für dieses Genre recht unkonventioneller Rattenschwanz hing, verflachte die Euphorie um die Band zunehmendst. Verdammt schade, denn Mansun hätten im monotonen Pop-Olymp durchaus etwas bewegen können, letztendlich war es dann aber vielleicht doch etwas zu viel Kreativität für den Mainstream und die Leute einfach noch nicht bereit dafür.
"Six" ist weder Rohkost noch Fast Food, sondern ein hübsch garnierter Eintopf, der einem nicht zwangsläufig schwer im Magen liegen muss. Es verlangt dem Hörer allerdings ein hohes Maß an Aufmerksamkeit ab und sollte nicht gierig verschlungen werden, sonst könnte mensch vielleicht schnell den Appetit daran verlieren. Das zeigt sich bereits beim Cover-Artwork, das statt der üblichen Bandposen viele Details immer wiederkehrender Albumthemen versteckt hält, wie Winnie Puuh, die Tardis oder der Dianetik. Vor allem aus Songs wie die o. g. Singles, hätten Britpop-Chartstürmer wie JJ72, Kaiser Chiefs oder Maximo Park sicherlich Nr.-1-Hits gemacht. Mansun hatten ohne Zweifel ein feines Gespür für massentaugliche Melodien, waren letztendlich aber nicht darum bedacht, die Albumseele zum Preis der gesellschaftlichen Homogenität zu verkaufen. Immer wieder entgleiten die Songs in psychedelische, progressive oder elektronisch-spacige Sphären, schlagen Haken oder setzen einen unerwarteten Break. Der tolle Opener "Six", das frivole aber hart betitelte "Shotgun" oder das Tschaikowsky aufsaugende "Fallout" klingen stellenweise gar wie unentschlossene Sprünge durch die Radiofrequenzen.
Ich will's mal so formulieren: wenn die Visions Biffy Clyro's "Infinity Land" zu einer "neuen Dimension des Emocores" erklären durfte, will ich mir mal anmaßen und behaupten, dass Mansun 1998 mit "Six" die Tür zu einer neuen Britpop-Dimension aufgestoßen haben.

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