Freitag, April 11

Gesplittet, Teil 3


Leitkegel / I Like Ambulance Split 7"


Das Prinzip des ungleichen Paares findet für gewöhnlich eher Anwendung im filmischen Sektor. Mit dem Essener Quartett Leitkegel und dem Berliner Trio I Like Ambulance haben sich nun auch musikalisch zwei Gruppen gefunden, die auf dem ersten Blick in zwei vollkommen verschiedene Richtungen ausholen. I Like Ambulance gehen mit ihrem ersten Stück "Glück" gleich zu Beginn auf Schmusekurs und werfen einen eingängigen und äußerst poppigen Indie-Hit in den Topf. Den Titel des Songs darf man dabei ruhigen Gewissens für bare Münze nehmen. Hier wird romantische Clickclickdecker-Poesie direkt von der Feel Good Inc. verarbeitet. Uneingängiger und alternative-lastiger - und somit auch wieder etwas vertrauter - gehen die drei Hauptstädter  in ihrem zweiten Song "Via Negativa" zu Werke und stimmen so schonmal vorsichtig für die B-Seite ein. Leitkegel wildern mit ihrem post-punkigen Post-Hardcore natürlich in anderen Genres und offenbaren somit zumindest oberflächlich erst einmal keine Gemeinsamkeiten zu ihren Split-Partnern. Genauer betrachtet, entpuppen sich aber beide Bands als Wolf im Schafspelz, die sich einen hörbaren Spaß daraus machen, ihre Hörer mit überraschenden Wendungen bei Laune zu halten. Mit einer düsteren Bassline und einer psychedelisch verspulten Gitarre trudelt "Schall & Rauchen" gemächlich ein und bereitet den allseits erwarteten Ausbruch vor. Der kommt natürlich und reißt in Windeseile das a-seiten-besungene "Glück" mit viel Wut und Verzweiflung wieder ein. Übrigens erinnernt mich der Song zur Mitte stark an Always Wanted War's Video-Single "Derry". Euch vielleicht auch? Für den zweiten Song "Kein Schlaf bis List" lehne ich mich mal etwas weiter aus dem Fenster und behaupte einfach mal, dass es der beste Song ist, den Leitkegel bislang geschrieben haben. Verspielte Gitarren, treibende Hooks, progressiv, in seiner kreativ mäandernden Art auch irgendwie an bessere und unberechenbare Adolar erinnernd. Und vor allem ein Song, der sich das Beste für den Schluss aufhebt. Nicht nur ein krönender Abschluss sondern insgesamt ein mehr als empfehlenswertes Split-Release. 500 schwarze 7inches wurden gepresst.

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The Michael Character & Lawn Care Split-EP: Pinky Swear


Eigentlich sind Akustikgitarre spielende Singer/Songwriter die mutigsten aller Musiker, da sie sich in ihren Mitteln selbst stark einschränken und es sich somit auch schwerer machen hervorzustechen. Das akustischer Singer/Songwriter-Folk, im hier vorliegendem Falle mit dem Zusatztag Punk, aber auch durchaus variieren kann, zeigt die Split-EP "Pinky Swear", die sich die beiden Amerikaner James Ikeda und Cameron LaViere alias Lawn Care gerecht teilen. Erst genannter versammelt um seinen Künstlernamen The Michael Character sogar eine ganze Punkband, was man eigentlich aber nur dem Debüt-Album "So Punk Rock." so richtig anhört. Auf den folgenden drei Alben experimentierte sich Ikeda mehr oder weniger Solo durch immer minimalistischer werdenden Folk-Rock, ehe erst seine bis dato letzte EP "...And There Goes the Convoy." wieder nach einem Kollektiv klang. Die vier neuen Songs, die er der Split mit Lawn Care beisteuerte, bilden nun fast genau das Mittelmaß. Nach einem Gesang-auf-Glockenspiel-Intro, präsentieren uns The Michael Character lebhaften Folk-Punk, mal mit etwas hektischem Gesang und manchmal mit fast schon gospelartigen Chören wie im Song "The Spins".
Seinen Landsmann LaViere traf er Anfang 2013 auf einer gemeinsamen Show in Pittsburgh, wo er nach eigenen Angaben, sofort von dessen Art des Songschreibens begeistert war und zum Fan wurde. Es folgte ein gemeinsames Konzert, woraufhin die Veröffentlichung einer Split nur noch von den Leuten abhing, die sich um Aufnahme und Verpackung kümmern sollten. Im Gegensatz zu seinem Kollegen, packt Lawn Care den Folk-Rock etwas härter an, schlägt die Saiten zu antreibenden Akustikriffs und führt seine Songs mit energischem bis auf die Zähne beißenden Gesang in die Spelunke. Und um auf Ikedas Faszination für LaVieres Songwriting zurückzukommen: man hat das Gefühl, dass sich LaViere scheinbar von seiner Stimme tragen lässt. Zwar nicht ziellos, aber eben auch nicht zwangsweise einem solchen folgend. Nicht improvisiert, aber leichtfüßig und unbeschwert vor sich hin trabend. So wie einst das Genie Jeff Mangum.

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Euglena & General Lee Split 10"/Tape

Unglaubliche zwölf Bandjahre haben die sechs (!) Franzosen von General Lee bereits auf dem Buckel, wobei sie sich durchschnittlich alle zwei Jahre mit einem neuen Release zurückmelden. Durchhaltevermögen kann man der Band aus Béthune somit also schonmal attestieren. Allerdings auch eine Zeitspanne, in der die Band vor einigen Veränderungen nicht gefeit war. Etliche Personalwechsel, andere Projekte wie The Gay Corporation, Jarod oder One Way Mirror, die General Lee immer wieder in die sporadische Nebentätigkeit steckten, und vielleicht auch die unterschiedlichen Einflüsse, die durch gemeinsame Auftritte mit den Szenegrößen Baroness, The Ocean, Cult of Luna und This Will Destroy You sicherlich auch irgendwie auf die eigene Musik drückten, führten dazu, dass sich der Sound der Band über die Jahre hinweg mehrfach änderte. Der anfängliche dynamsiche Post-Hardcore ("The Sinister Menace", "Split w/ As We Bleed" ->PWYW-Downloads) trat zwischenzeitlich beiseite und räumte dem Sludge- und Post-Metal die nötige Zeit zur atmosphärischen Entfaltung ein, ja sogar melodiefixierter waren die Songs, ehe sie sich mit ihrem bislang letztem Album "Raiders of the Evil Eyes" wieder auf die Anfangsjahre besannen. So auch die beiden Songs ihrer neuen Split, die sich wieder aggressiver und chaotischer gegen die Melodie auflehnen und mit wilden Stakkatorhythmen die Gitarrenwände dem Erdboden gleich machen, erzeugt durch drei konkurrierende Gitarren. Das ist ausgeklügelter Mathcore mit einem Schuss Wahnsinn.
Gegenüber ihren routinierten Split-Partnern, genießt das russische Quartett Euglena fast noch Welpenschutz. Den hat die um 2010 herum gegründete Band aus Sankt Petersburg aber eigentlich gar nicht mehr nötig. Nach ihrer beeindruckenden Debüt-EP "An Anxious Surface", suchten diese nämlich gleich mal den direkten Vergleich zu den Größeren, indem sie sich auf der 3-Way-Split mit der von "Underground-Hero-Produzent" Amaury Sauvé geführten Crust-Postcore-Band As We Draw und der zu dieser Zeit ebenfalls gerade aufstrebenden Black-Post-Metal-Combo Hexis beweisen mussten. Abschluss mit Bravour, will ich mal behaupten, denn Euglena stehen den ganz großen Namen in Nichts nach, wenngleich als Referenzen nicht nur die üblichen Spartenbands herhalten können. Im ersten Song "Дно" prügeln sich Euglena hemmungs- und schonungslos durch eine Art mathigen Post-Hardcore. "Желчь", der zweite und letzte Song, streckt das strukturierte Chaos auf fast acht Minuten und politiert die Übergänge mit atmosphärischen Post-Metal. Als "Gromi Kabak" bezeichnen die Russen ihren Stil selbst. Da sich meine Schulrussischkenntnisse leider nur auf meine persönlichen Daten und Hobbies begrenzen und selbst diese Fertigkeiten schon etwas angerostet sind, musste ich mich bei der Übersetzung auf das Resultat eines Suchmaschinenstools verlassen. Demnach bedeutet "Gromi Kabak" so viel wie "Donnernde Kneipe". Passt ja auch irgendwie, denn trinkfest ist dieses große Völkchen allemal und dass sie ein Donnerwetter entfachen können, haben sie nicht nur mit diesen zwei Songs hier bewiesen.
Меня зовут сериоус крусти. Я живу в Берлине. Я играю в футбол. Fertig!

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Chambers & The Death of Anna Karina "Dicotomia" Split LP


Wenn zwei Bands aus Italien auch vierzehn Jahre später noch das Millenium feiern und sich dazu entschließen, diese Party auf einer Split-LP zu veranstalten, dann kann das schonmal nostalgische Wehmut hervorrufen. Die mir bislang unbekannten Chambers aus Pisa klingen zunächst einmal herrlich unverkrampf altbacken und eröffnen die Split mit dem vergleichsweise flotten Song "La Sera Leoni,...", der sich in den Zwischenräumen von Raein, Yage und schwermütigen Alternative regelrecht austobt. Das folgende "Tutto é Bene..." schüttelt dazu noch ein paar rockige Gitarren aus dem Handgelenk, ehe Gastsänger Johnny Mox (Nurse!Nurse!Nurse!, Fonda Sisters) im dritten und letzten Chambers-Song "Le Facce..." mit einem Freshmaker-Rap die okkulten Fantomas-Gedächtnischöre aufmischt.
The Death of Anna Karina (vor 2002 noch unter dem Namen Inedia aktiv) darf man getrost noch als Originale bezeichnen, die sich ungeniert offenkundig am Sound ihrer Vorbilder orientieren. Die findet man allerdings erst ein ganzes Stück weiter Richtung Norden oder auf der anderen Seite des Großen Teiches. Den rohen und unverschönten Hardcore einstiger Fugazi, Refused und JR Ewing kann man genauso heraushören, wie La Quiete's oder Lady Tornado's Screamo(violence)-Einschlag. Mit beiden zuletzt genannten teilte man sich zeitweise auch einige Mitglieder. Aber auch an einer Band wie TDOAK zieht die Zeit nicht spurlos vorbei und so klingen die fünf Italiener im Jahr 2013 wesentlich aufgeräumter. Statt ihre Songs im Eiltempo herunter zu preschen, wirft die Band jeglichen Noisecore- und Powerviolence-Ballast über Bord, bis tatsächlich einfache Rockstrukturen erkennbar werden oder wie im ersten Song "Nero", der durch eine tolle Hookline besticht, plötzlich eingängige Melodien entstehen. "E Poi Niente" wirkt da eher wie ein letzter Versöhnungsversuch, was letztlich aber auch nicht mehr viel an der Tatsache ändern kann, dass TDOAK scheinbar genug von den wilden Eskapaden der Anfangszeit haben. Ein neues Gesicht, deren rockiges Antlitz sie vielleicht auch ihrem neuen Sänger Andrea zu verdanken haben, der in den vier Split-Songs erstmalig auf einem Release zu hören ist.
Die "Dicotomia"-Split erschien am letztjährigen Record Store Day in einer Auflage von 500 schwarzen LP's.

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