Dienstag, Februar 19

Strommasten - Allerzweite Sahne



Kurzinfo:

Einige werden mir jetzt sicherlich zusammengewachsene Augenbrauen wünschen, aber auch nach neun Jahren kann ich noch immer nichts mit dem Proleten-Punk von Kraftklub anfangen. Zum Glück sind Strommasten eben nur "Allerzweite Sahne" und fliegen noch weitestgehend unter dem Radar. Dabei haben die elf Stücke ihres Debüt-Albums durchweg das Zeug in sämtlichen Mainstream-Radio-Playlisten zu rotieren. Ungeniert und unbekümmert dessen, dass die vier Dortmunder mehr darauf bedacht sind, Klischees zu bedienen als neue Akzente zu setzen, bewegen sich die Stücke straight durch fröhlich hüpfenden Indie-Pop mit vielen elektronischen Plucker-Elementen und dezentem Silberblick Richtung überdrehte und knallbunte NDW. So schwebt nicht nur über das selbstgefällige "Gleich vorne an" der Geist von Falco. Ansonsten könnten sich Strommasten auch unbemerkt unter die Riege der Anfang 2000 sprießenden deutschen Indie-Pop/Rock-Szene mischen, in der einprägsame wie simple Melodien und pathetische Lyrics eben noch gebührend abgefeiert wurden in den Dorfdiskotheken. Würde mich doch stark wundern, wenn das 2019 anders sein sollte...


Band: Strommasten

Titel/Release: Allerzweite Sahne/Album (200x Digipak-CD; Digital)

Label: DIY (Boketto Records)/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2017

Genre: Indie, Indie-Pop

FFO: Samba, Virginia Jetzt!, Die Sterne

Links: Bandpage\\//Facebook\\//Bandcamp\\//Youtube




Stream & Buy "Allerzweite Sahne"



Samstag, Februar 16

Die Bandcamp-Punks Vol. 31

Bruised Willies - Dark Humour



Die Südost-asiatische Insel-Kette war für mich in musikalischer Hinsicht bislang nicht sonderlich interessant, mit Ausnahme des malaiischen Labels Utarid Tapes natürlich, das aufgrund gemeinsamer musikalischer Interessen kontinuierliche Beziehungen auch zu deutschen Labels pflegt (u. A. Time As A Color, Moment Of Collapse). Bruised Willies haben damit direkt erstmal recht wenig zu tun, fördern mit ihrer dritten EP nun aber auch schon über zwei Releases die deutsch-asiatische Freundschaft. Wie zuvor schon "John Malkovich Was Great As John Malkovich In Being John Malkovich", erscheint auch "Dark Humour" als Co-Release der Labels Dangerous Goods und Dingleberry Records. Und wie bereits Bandname und Titel der Vorgänger-EP zeigen, erweisen sich die drei Singapurer als wahre Cineasten, was auch auf der neuen EP in Form von schwarz-humorigen Zitaten aus Filmen wie "Grosse Point Blank", "7 Psychos" oder "Kiss Kiss Bang Bang" zum Ausdruck kommt. Musikalisch bewegen sich Bruised Willies ziemlich straight zwischen Emo, Punk, Alternative und Post-Grunge mit ganz viel Pop-Punk-Affinität. Das ist zwar nichts Neues und erinnert ungeniert an Größen wie Citizen und Cloud Nothings oder auch Vertreter hierzulande (Pool Rules, Oat), bringt aber eine Menge Spaß mit. Und eben das, ist auch das erklärte Ziel dieser Spaßtruppe aus Szene-bekannten Musikern von Bands wie The Caulfield Cult, To Hell With You und Abolition A.D.. Nicht mehr und nicht weniger.


DL "Dark Humour"

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Disgusting News - Demo

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Auf wesentlich pissigeren, aber keineswegs melodieärmeren Pfaden wandelt die Band Disgusting News, die im Sommer dieses Jahres mit ihrer Demo-EP debütierte, deren Sound der dunklen Jahreszeit aber irgendwie besser zu Gesicht steht. Die Band aus Bielefeld, die sich den Drummer mit der noisigen Hardcore-Punk-Band Phantom Pain teilt, vermittelt vor allem lyrisch viel aggressive Anti-Haltung, die sicher auch im ortsansässigen AJZ viel Anklang finden dürfte. Dazu ein herrlich manisch-wirbelndes Schlagzeug, in die Prärie galoppierende, dreckige Gitarren und eine Sängerin, die echauffiert Gift und Galle spuckt und dabei gelegentlich Rückendeckung ihrer nicht weniger angepissten männlichen Kollegen erhält. So und nicht anders, sollte Punk klingen, der ernst genommen werden will.
Mit Hilfe von No Firecracker, Please, veröffentlichte das nordrhein-westfälische Quartett sein Demo auf Tape. 

DL "Demo" Here & Here

Buy Tape via PM on FB



Lunch Break - Demo 2018


Herrlich angespisst klingt auch der heisere Schreihals hinter dem Mikro von Lunch Break. Das Berliner Trio, dem zwei ex-Sleep Routines angehören, spielt rotzig-schnellen Hardcore-Punk mit einem Hauch von D-Beat und Crust, der mich vor allem in den rockig-überschäumenden, melodischen Parts wie in "Wrongnorw", "Radar Love II" und "Solving Strategies" an die dänischen Crust-Punks Parasight erinnert. Übrigens genauso eilig scheinen es die drei Hauptstädter auch zu haben, die die neun Songs ihres Debüt-Demos in der gleichen Zeit über die Bühne bringen, wie oben genannte Disgusting News die sechs ihres eigenen. Und die lagen mit knapp 9 ½ Minuten schon gut in der Zeit. 
Bis auf den PWYW-Download auf Bandcamp, sind derzeit nicht wirklich viele Infos über Lunch Break im Netz zu finden. Aber sowohl das kultige Cover (ich liebe diese verdammte Frühstück-Szene) als auch der kurze musikalische Amoklauf, hätten zumindest ein Tape-Release mehr als verdient.

DL "Demo 2018"



Bomb Out - Bomb Out

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Dritte EP des 2013 gegründeten Quartetts Bomb Out. Das Berliner Underground-Star-Ensemble um (ehemalige) Mitglieder von Fabrik Fabrik, Sleep Routine, New Golden und somit auch aus dem näheren Henry Fonda/Ancst/Afterlife Kids-Umfeld, serviert uns auf der selbstbetitelten EP vier gewohnt eingängige und äußerst aggressive Hardcore-Smasher, die im Moshpit garantiert für eine unangenehme und schmerzhafte Rudelbildung sorgen dürften. Straight in your face, lautet hier wohl die Attitüde. Nur gut, dass diese Jungs ihre Herzen am linken Fleck tragen, da verzeiht mensch dann gerne auch mal einige platt-gedroschene Phrasen. Zumal "Bomb Out" zu guter Letzt mit dem Chab Loozy-Rap-Feature "Kein Pardon" nochmals ordentlich hinlangt.


Buy "Bomb Out"



Gilb - Tape 1


Na wenn das mal kein gewollter Flashback ist... . Vieles auf Gilb's Debüt-EP "Tape 1" klingt wohl-wollend vertraut. Noisige, fast schon surfige Schrammelgitarren, die das solide und um Ordnung bemühte Drum-Bass-Fundament immer wieder aus der Ruhe bringen und hektisches Weirdo-Geschreie, sind die simplen wie effektiven Bausteine dieses katharsischen Garage-Hardcore-Punk-Gebräus. Sechs Songs, die in knapp neun Minuten weniger um Schönklang, als vielmehr um ein ausgelassenes AZ-Feeling bemüht sind.
Freunde des Flennen-Kollektives wissen unlängst, dass sich hinter Gilb umtriebige Gesichter aus Berliner Kombos wie Zelf, Pigeon, Molde und Pretty Hurts verbergen und zudem 3/4tel Deltoids, was optisch (Tape-Cover) wie musikalisch einige Parallelen offenbart.

DL "Tape 1"



Videowelt - Benediction

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Mit der ebenfalls aus Berlin stammenden Band Videowelt, folgt ein Vertreter aus dem Umfeld des Flennen-nahen Labels Spaeti Palace. Videowelt ist ein audio-visuelles Musikprojekt von Alex Roth (Yoga, Redakteur bei Tausend Ebenen), der sich für die musikalsiche Umsetzung u. A. Billy Billfred  von Trucks und Benjamin Wild aka DJ Dingo Susi auf die Bühne holte. So ist es nicht überraschend, dass auch in akustischer Hinsicht über die Debüt-EP "Benediction" ein künstlerischer wie experimenteller Charakter schwebt, der sich glücklicher Weise nicht zu tief in Spielereien verstrickt. 
Stilelemente aus Drone, Doom, Lo-Fi und Noise fordern von der Hörerschaft zwar eine gewisse a-puristische Offenheit ein. Auf der Basis von eingängigem Post-Punk, liefert das Quartett mit "Seventeen", "Televangelism" und dem Titeltrack dennoch einige melodische Songs zum Mitwippen ab.

DL "Benediction"



Freidenkeralarm - Nie Wieder Faschismus

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Kennt hier noch jemand diese intellektuelle Emo-Indie-Ska-Punk-Band Tut Das Not? Ich war jedenfalls ziemlich von derem Album "Bildfänger" angetan, was wahrscheinlich aber auch an der damaligen Zeit lag, in der ich meine Ohren mit viel Deutsch-Indie(-pop) á la Tomte, Tocotronic, Samba und Schrottgrenze weichspülte. Jedenfalls hat sich die Trierer Band Freidenkeralarm nach dem scheinbar auf Spotify beliebtesten Song eingangs erwähnter Band benannt, wobei wir die Suche nach weiteren Gemeinsamkeiten auch schon wieder getrost einstellen können.
Das Trio aus der ältesten Stadt Deutschlands (ja, wir sind stets um etwas Rucksackwissen bemüht) spielt munteren wie melodiösen Punkrock. Ihre zweite, ebenfalls im letzten Jahr erschienene EP "Nie wieder Faschismus" richtet sich konzeptionell über fünf Songs gegen braunes Gedankengut, mal direkter, mal ironisch oder Klischee-bedienend. Die Marschroute ist von Anfang an klar und mündet stets in eingängige Singalongs. Das hier hat Potential zu mehr, 2018 war zumindest das Ertrag-reichste Jahr der Ende 2016 gegründeten Band. Mal schauen, was Freidenkerlalarm 2019 noch so alles reißen können.

DL "Nie wieder Faschismus"



Limp Blitzkrieg - Koniec Kraju Polska

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Nicht nur wir sehen uns mit einem zunehmenden Rechtsruck konfrontiert, auch die polnische Bevölkerung muss spätestens seit 2015 miterleben, wie durch die rechts-konservative Partei PiS die Demokratie Stück für Stück aus der eigenen Verfassung gedrängt wird. 
Die in Polen beheimatete Band Limp Blitzkrieg hat mit ihrem zweiten Longplayer darauf nur eine Antwort - "Koniec Kraju Polska", zu deutsch: "Nieder mit dem polnischen Staat". 
Mit wütendem Hardcore-Punk keift das Warschauer Quartett gegen Diskriminierung, Patriotismus und rechte Tendenzen, aber auch gegen die Gemütlichkeit der Punk-Szene. Der grundlegende Queer-Gedanke der Band, der vor allem durch die Galle-speiende Frontfrau versprüht wird, findet schlussendlich Fromvollendung im Alex Freiheit (Siksa) - Feature "Dobre Rady" und Limp Wrist-Cover "The Ode".

DL "Koniec Kraju Polska"

Buy Here, Here & Here



Knarre - Live Demo (Epple, 23.06.18)

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Und als seichten Abgang zum Schluss bekommt ihr nochmal eine rohe Schippe Rumpelpunk serviert. Eigentlich bin ich auf das Quartett Knarre aus Baden-Württemberg auch nur aufgrund meiner Recherchen zur gleichnamigen Berliner Skramz-Pop-Band gestoßen. Doch statt Balsam für die Ohren, durchdrang meine selbigen überraschender Weise kakophonischer wie ironischer als auch herrlich angepisst-direkter Deutschpunk, der mich vor allem wegen des schräg-krächzenden Gesangs nicht selten an Mann kackt sich in die Hose erinnert. Schön rumpelig, knarzend und einige nette Hook-Fetzen, die scheinbar vom übermäßigen Bierkonsum oder fehlendem Talent immer wieder verrissen werden. Vielleicht ist das ja auch einfach bloß Angst vorm Schönklang. Egal. Molle her, Nacken dehn, Pogen gehn!

DL "Live Demo (Epple, 23.06.18)"

Mittwoch, Februar 13

OXMO - Was hast du dir dabei gedacht?



Kurzinfo:

Wie auch schon mit ihrer Quasi-Vorband Oxnard Montalvo, teilen uns OXMO in ihrem Bandnamen ihr Faible für retrospektive Zeichentrickserien mit. Das passt irgendwie, denn mit seinem Hip-Hop-Crossover-Mix transportiert das süd-deutsche Quartett viel unbekümmertes und überdrehtes 90er-Jahre-Feeling, irgendwo zwischen unpeinlichen Die Fantastischen Vier, Fettes Brot und Tic Tac Toe. .......... Aber im Ernst, vieles auf "Was hast du dir dabei gedacht", dem Debüt-Album unter dem neuen Bandnamen, klingt nach gut gelaunten Fratzen, die in ausgewaschenen Baggy Pants und schlabbrigen Karohemden durchs knallbunte VIVA-Programm hüpfen, natürlich in schlechter Bildqualität. Auch, wenn das alles schon mal da gewesen ist und vielleicht zwanzig Jahre zu spät kommt, begründen OXMO vor allem textlich ihre Daseinsberechtigung im Hier und Jetzt. Neben dem aktuell vorherrschenden Rechtsruck, prangern die eigentlichen zehn Songs vor allem von der Gesellschaft auferlegte Erwartungshaltungen an, was unter dem Album-Motto "Frei sein" oder ironischer Weise eben "Was hast du dir dabei gedacht" zusammengefasst werden könnte. Frei sein von Zwängen und der Meinung von Andersdenkenden, wie auch die stilistische Willkür aus Hip Hop, Electronicas, Ska und Reggae zeigt, die hier zu locker in der Hüfte sitzenden Pop- und Rhythmus-Hymnen vereint wurde. Und wenn mensch bedenkt, dass sich hier ein Mitglied der Pop-verliebten Punkkombo Arbeitstitel: Bullenblut hinterm Mikro versteckt, lässt sich das Album ohnehin mit einem Augenzwinkern genießen.


Band: OXMO

Titel/Release: Was hast du dir dabei gedacht?/Album (Digipak-CD; Digital)

Label: DIY

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Hip Hop, Punk, Ska, Reggae, Funk

FFO: Strommasten, Ginsengbonbons, Die Fantastischen Vier

Links: Bandpage\\//Youtube\\//Soundcloud




Stream "Was hast du dir dabei gedacht?"

Buy via Mail to: kapellmeister@o-x-m-o.de



Sonntag, Februar 10

Maffai - Maffai EP



Kurzinfo:

Spätestens mit dem Millenium wurde auch ein neues Kapitel im deutschen Post-Punk-Sektor aufgeschlagen. Fast zwanzig Jahre später, liegt es also an Bands wie Maffai, die Geschichte immer weiter fortzuschreiben. Und dass die drei Nürnberger und der Würzburger nicht nur gute Autoren, sondern vor allem auch großartige Musiker sind, beweisen sie eindrucksvoll mit ihrer selbstveröffentlichten und -betitelten Debüt-EP. 
Das Konzept dahinter ist nicht neu, allerdings auch wesentlich mehr als ein bloßer Abklatsch. Das liegt vor allem am homogenen Zusammenspiel zwischen modernen Pop- und altehrwürdigen Wave-Elementen, aber auch am aufgewühlten Gesang, der unter der seichten Oberfläche aus Indie-Rock und Post-Punk gewaltig brodelt und stets auszubrechen droht. In diesem Sinne könnte man fast meinen, dass das Quartett auf "Maffai" sein Faible für Kontraste auslebt, auch, wenn es eben nicht zwangsläufig danach klingen muss. Die vier Songs huschen eingängig ins Ohr und verschrecken sicherlich nur eine kleine Gruppe streng-puristischer Mainstream-Hörer.
Im Prinzip liefern Maffai genau das ab, was die Mitglieder bereits in ihren Vorprojekten immer wieder offenbarten: Jan Kretschmer (Panda People), Mike Illig (Cannahann), Simon Züchner (Godzilla Was A Friend Of Mine) und Daniel Schmitt (Paulinchen Brennt, Tending To Huey, Cannahann, 52 Hertz) überzeugen mit aufpolierter Sperrigkeit.


Band: Maffai

Titel/Release: Maffai/EP (300x Black 7inch; Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Indie, Post-Punk

FFO: Kazimir, Turbostaat, Edgar R.

Links: Bandpage\\//Instagram\\//Youtube\\//Facebook




Stream & Buy "Maffai"


Donnerstag, Februar 7

Agador Spartacus - Agastonishing



Kurzinfo:

Agador Spartacus beschreiten auch auf ihrer dritten EP "Agastonishing" ihren Weg konsequent und entwickeln sich dabei stets weiter. Wie auch schon beim Vorgänger "Agadawesome" und entgegen dem Debüt "Agadorable", haben sich die vier Ruhrpottler/Hamburger im Kaputtmacher Studio eingenistet und die Aufnahme und den Feinschliff in die Hände von Jochen Stummbillig gelegt, was abermals in einem sehr druckvollen Soundgewand mündet.
Die EP startet mit einem Intro, das nahtlos in den folgenden Song "Living Slow/Dying Hard" hineinfließt und mit einem düsteren Schwarm auf die schwermütige Atmosphäre niederdrückt. Natürlich verliert sich auch dieser Song wieder in einer eingängigen Melodie, auch wenn sich die eigentlichen sechs Songs nie so ganz an einer manifestierten Songstruktur festklammern. Generell wird man den Eindruck nicht los, als hätten die Donots bei ihrem letzten Studiobesuch einen nachhaltigen Eindruck beim o. g. Tontechniker hinterlassen. Agador Spartacus schaffen einen beeindruckenden Spagat aus alternativer Hymnenhaftigkeit und post-hardcoriger Sperrigkeit, aus sozialkritischen Texten aus persönlichem Blickwinkel. Das ist vielleicht etwas zu viel Willkür für die große Stadionbühne, allerdings auch überqualifiziert für die kleinen Kellerspelunken.


Band: Agador Spartacus

Titel/Release: Agastonishing/EP (ca. 100x DIY-CD; Digital)

Label: DIY (Boketto Records)/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2019

Genre: Alternative, Post-Hardcore, Punk, Emo

FFO: Paraquat, Passed Me By, Ashes Of Pompeii, We Will Fly

Links: Bandpage\\//Facebook\\//Bandcamp\\//Soundcloud\\//Instagram\\//Youtube




Stream & Buy Digitally "Agastonishing"

Buy CD-r via Mail to: contact@agageddon.com


Montag, Februar 4

Video Kills The Radio Star Vol. 8


Malm - Ins Nirwana


Es gibt Bands, die feiern gefühlt alle fünf Jahre eine Reunion oder eben solche, die sich für ihr nächstes Release die nötige Zeit nehmen, ohne gleich alles über den Haufen zu werfen. 
Die Würzburger Band Malm, deren Mitglieder zwischenzeitlich auch bei Bands wie Omega Massif, Blacksmoker und Elision aushalfen, ist seit 1998 eine feste Größe im deutschen Noise-Rock-Sektor. Über drei Alben und vier EP's, blieben sich die vier Bayern ihren kompromisslosen Stil stets treu. Pünktlich zum 20-jährigen Bandjubiläum, erschien nun also Album Nummer vier, "Kollaps", auf dem das Quartett abermals ein wahres Noisegewitter entfacht. Minimalistisch, dissonant und brachial zugleich, ohne die blank liegenden Nerven über das nötige Maß hinaus zu strapazieren. "Ins Nirwana" ist nur eines von zwölf eindrucksvollen Belegen dafür.
Nach der Split (2008) mit der Berliner Noise-Rock-Formation Kint, ist "Kollaps" das zweite Bandrelease, das u. A. auch auf Vinyl erscheint.


Buy "Kollaps" Here & Here



Kind Kaputt - Unperfekt


Pop und radiotaugliche Härte - ein Konzept, dass sich spätestens mit dem Debüt von Madsen in den Mainstream-Sendern hierzulande durchgesetzt hat. Ein Klischee, das vor allem im letzten Jahrzehnt durch Bands wie Marathonmann, Naechte, Kaff König oder Heisskalt kräftig bedient und vom geneigten Publikum durchaus belohnt wird. Auch der Sound der relativ jungen Formation Kind Kaputt erscheint für die feucht-dunklen Wände der Punk-Spelunken etwas zu überambitioniert, obwohl das Mannheimer Trio auf seiner Debüt-EP "Die Meinung der Einzelnen" textlich am Zahn der Zeit bleibt und musikalisch durchaus einige Überraschungen parat hält.
"Unperfekt" ist der etwas ruppigere Ausreißer der EP, was sicherlich auch dem Feature von Jonas Jakob (8KIDS) zu verdanken ist.
Die zur EP gehörige CD ist über dem bandeigenen Shop erhältlich.





Peter Coretto - Sie zündeln wieder



Peter Coretto sind auch schon gefühlt eine Ewigkeit Bestandteil der deutschen Post-Punk-Bewegung. Jetzt, wo die Euphorie nach dem letzten Turbostaat-Studio-(und meiner Meinung nach weitaus nicht bestem)-Album allmählich verflogen ist und einige hoffnungsvolle Nachzügler vorzeitig die Segel gestrichen haben, könnte für die vierköpfige Band aus München vielleicht genau der richtige Zeitpunkt gekommen sein, um mit ihrem neuen Album "Angst kostet Freiheit" ein paar desillusionierte Genre-Verehrer zurück zu erobern. Der Vorreiter "Sie zündeln wieder" erzählt zwar nichts Neues, packt aber den heimischen und scheinbar stetig wachsenden Tumor direkt an der Wurzel: "Rassismus - keine Meinung! Antisemitismus - keine Meinung! Faschismus, Sexismus - keine Meinung!". So sieht's aus. Und vielleicht braucht es eben diese direkte Art und eine solch eingängige Hymne, um die breite, gleichgültige Masse zu erreichen und ihr die Augen zu öffnen.
Wurde die Vorgänger-EP "Gier" einmal mehr vom Quartett selbst produziert, legte diesmal kein geringerer als Torsun Burkhardt (Egotronic) persönlich Hand an.


Buy "Angst kostet Freiheit" Here & Here



[trap] - Gommage Éclat



Eigentlich gar nicht meine Musikrichtung, eigentlich nicht mal ein richtiges Video. Eigentlich habe ich mich auch bloß mal wieder gefragt, auf welchen musikalischen Pfaden Emmanuel Aldeguer (H.O.Z., Ebisu, 42 The Band) gerade so wandert. Und siehe an, da stoße ich doch tatsächlich auf ein (schon älteres) Projekt namens [trap], dem Manu zwar seine Stimme leiht, ansonsten aber gar nicht so wirklich involviert ist.
Hinter [trap] stecken der Breakbeat- und Sample-Virtuose Zôl und Drummer und "Hybrid Artist" Merlin Ettore. Für ihr Debüt-Album "Offrande 1,697", das standesgemäß über das japanische Label Murder Channel erschien, vereint das Duo schneidende Breakbeats mit tollen Drum n Bass-Kombinationen und etwas Dubstep - und sampeln dazu Manu's und Sylvain Bekaert's Gekreische und Geshoute aus dem H.O.Z.-Album "Loud Noise Making".



 

Sonntag, November 25

Platte des Monats 11/2018: Pogendroblem - Erziehung zur Müdigkeit



Kurzinfo:

Maaßen, Erdogan, Hambacher Forst und Chemnitz - allein die Miszstände und Fragwürdigkeiten der jüngsten Vergangenheit werfen unweigerlich die Frage auf, an welcher Stelle die menschliche Vernunft eigentlich vollkommen verloren gegangen ist. Es ist aber eben auch noch nicht alles, denn neben alltäglichen, radikalen Flüchtlingsheimrazzien und Räumungen links-alternativer Einrichtungen und Begegnungsstätten, die es nicht über die regionale Presse hinaus schaffen, herrscht noch immer eine ganze Menge Ungerechtigkeit und staatliche Willkür fernab des medialen Bombasts. Und wer sich auf dem vermeintlichen Erfolg des G20-Gipfels ausruht, hat vielleicht noch nicht selbstkritisch hinterfragt, mit wem man dort eigentlich so alles Seite an Seite demonstriert hat.
Keine Frage, die Gesamtscheiße ist mächtig am Brodeln. Mit ihrem Debüt-Album wirbelt die Band mit dem Prechtschreibroblem somit sicherlich keine neuen Fragen auf, sondern konzentriert sich vielmehr darauf, die richtigen zu stellen. Denn gerade zu Zeiten einer orientierungslosen Regierung, ist moralischer wie physischer Angriff die beste Verteidigung. So richtet sich der Appell von Pogendroblem nicht nur an die Marionetten in Staatstracht ("Gebrochen") oder dem gemeinen Hipster und Schnösel, sondern vor allem auch an die Philosophie des gemütlichen Widerstands der eigenen Szene ("Banden", "Schnöselpunx") - "Erziehung zur Müdigkeit".
Authentisch wirkt das, weil das Quartett aus Bergisch Gladbach seine Attitüde in herrlich aseligen Schrammelpunk packt, anstatt sie mit post-modernen Schnörkeln zu verkleiden. Ausflüge werden höchstens in eng benachbarte Genres wie dem Garage und Hardcore-Punk unternommen oder eben in die drei Jahrzehnte zurückliegende Punk-Vergangenheit. Für diesen Charme sorgt allein schon die herrlich kratzige Produktion von Lau Velthaus (u. A. HerrinGedeck und Reiche_Weiße_Cis_Männer).


Band: Pogendroblem

Titel/Release: Erziehung zur Müdigkeit/Album (500x Black Vinyl; Tape; Digital)

Label: In A Car (Vinyl), Zehnagel Records (Tape)

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Deutschpunk, Punk, Garage

FFO: Mühlheim Asozial, Urinprobe, Novotny TV

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Youtube




DL & Buy "Erziehung zur Müdigkeit"

Buy Here, Here, Here, Here & Here


Dienstag, November 20

Knarre - Eiscafé Venezia



Kurzinfo:

Berlin hat in der musikalischen Historie schon so manche kuriose Band zum Vorschein gebracht und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft sicherlich noch das eine oder andere Mal tun. Das musikalische Kontrukt hinter Knarre ist sicherlich nicht neu. Emo-Punk, der in seiner rauhen Art etwas am Screamo entlang schabt und zusammen mit dem post-punkigen Gesang ein paar übrig gebliebene Turbostaatler einsammelt, trifft auf melodische Indie-Punk-Gitarren á la Love A und Duesenjaeger, trifft auf die Reibeisenstimme und Pop-Affinität von Jupiter Jones. Wer das Hauptstadt-Quartett nach dem Opener "Umfallende Bierflaschen" allein aufgrund dieser Oberflächlichkeiten voreilig abschreibt, droht in den nächsten sechs Songs ihrer Debüt-EP "Eiscafé Venezia" viele überraschende Wendungen und einige klever ineinander verflochtene Reminiszenzen zu verpassen. Andersrum: wem genau diese Eingängigkeit und dieses Hitpotential zusagt, wird spätestens nach dem dritten Song genervt kapitulieren. Knarre spielen auf ihrem Debüt mit Gegensätzen und wollen es keiner Seite so richtig recht machen - Skramz-Pop eben, wie die Band ihren Stil selbst beschreibt. Vielleicht ist das ja die ursprüngliche, sogenannte Punk-Willkür, vielleicht auch bloß Hipstertum. Vielleicht einfach bloß Spaß am Experimentieren, wie es die Hälfte von Knarre bereits in der Rap-Screamo-Band Être? auslebte, was uns wieder zum Einstiegssatz zurückwirft. Das ist weder Pop noch Punk, kein bedingungsloser Schönklang und erst recht kein heilloses Durcheinander. Knarre setzen altbewährte Bausteine neu zusammen, begraben den Mainstream unter einer ordentlichen Schippe Rotzigkeit - und haben dann noch die Eier, zum Ende hin eine zart-schmelzende Trompete unterzubringen. Fast so schön, wie die leicht deformierte Eiskugelkreation auf dem Cover.


Band: Knarre

Titel/Release: Eiscafé Venezia/EP (500x Light Green Vinyl; Digital)

Label: Amöben Mit Sozialen Ambitionen

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Emo-Punk, Screamo, Post-Punk

FFO: Edgar R., Tiger Magic, Postford, Canine

Links: Bandpage\\//Facebook\\//Instagram




DL "Eiscafé Venezia"

Buy Here


Sonntag, November 18

Der Bandcamp-Hardcore Vol. 41

Phantoms - Departed



Die Bremer Band Phantoms ist sicherlich keine Neuentdeckung, wuselt das Sextett um Mitglieder ehemaliger Jet Black, The Town Of Machine, Mallorys Last Dance, The Unknown Stuntman (ehemals Caveman) und weltraumraketenabschussbasis immerhin schon sieben Jahre durch den deutschen Hardcore-Punk-Untergrund. Da die Band aber gerade an neuen Songs tüftelt, könnte ein Blick auf ihr 2015 erschienenes Debüt-MiniAlbum "Departed" zumindest ein guter Einstieg und somit eine lohnende Wiederentdeckung sein - vor allem für diejenigen, die wehmütig noch weiter in die musikalische Vergangenheit zurückblicken. Zwischen Post-Hard- und Emocore, der sich für einige theatralische Momente nicht zu schade ist, sind es auch die eingestreuten, mathigen Twinkle-Gitarren wie in "Love Conditional" oder "Modulok", die Fans des Milleniumcores durchaus Freude bereiten könnten. Und auch, wenn "Departed" insgesamt recht professionel produziert klingt, schwingt den Songs ein wohliger und unbekümmerter Underground-Flair mit, der mich an - wenngleich Genre-mäßig nur bedingt vergleichbaren - Combos wie Paraquat, Cannon For Cordoba oder Ashes Of Pompeii denken lässt.
Die selbst-veröffentlichte CD im 3-Panel-Digipak kann noch immer über die Band selbst bestellt werden.



Buy CD via PM on FB



...And Its Name Was Epyon - S/T EP

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Bandname, Artwork und eigene Stilbezeichnung ("Mechacore") nehmen es bereits vorweg - hier gehen eingefleischte Anime-Freaks zu Werke. Der Rocki wüsste wahrscheinlich mal wieder genauestens bescheid und würde als Einleitung gar ganze Bände zum Gundam-Franchise verfassen. Mir jedenfalls gehen die drei Debüt-Songs der Band ...And Its Name Was Epyon auch ohne diese Vorkenntnisse ganz gut rein, auch wenn sich die Samples am Anfang und Ende des Openers so sicherlich mit anderen Ohren hören lassen. 
Auf  "...and its name was Epyon" spielen die drei Musiker_innen aus Kalifornien einen ausgeklügelten Mix aus Screamo, Skramz und Post-Hardcore, der inhaltlich eine Menge emotionalen wie gewissermaßen gesellschaftskritischen Zündstoff bietet und somit sicherlich auch seine Daseinsberechtigung im Punk begründet. Ein Blick hinter die Kulissen offenbart, dass die drei Amis bereits einen enormen musikalischen Background vorweisen können - Feed Me The Forest, She Dreamt; She Was The Sea, Anamanaguchi, I Would Run That Stoplight For You und Without - , was auch die Solidität und produktionstechnische Raffinesse ihres Releases erklären dürfte. Mit letztgenannter Band, teilten sich ...And Its Name Was Epyon auch ihr erstes physikalisches Release. Das Split-Tape, das über Learning To Be Loved erschien und bereits restlos vergriffen ist, beinhaltet alle drei EP-Songs der Band.

DL "S/T" EP



Moss Rose

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Moss Rose ist eines der jüngeren Projekte vom umtriebigen Engländer Shaun Harrison-Hancock. Und da er sich, wie so oft, nur so richtig wohl in trauter Zweisamkeit fühlt, steht ihm erneut die Art-Designerin Yasmin Ensor zur Seite, die er bereits aus dem gemeinsamen Projekt Kodos und natürlich dem gemeinschaftlich betriebenen Label Adorno Records kennt. Nicht verwunderlich also, dass sich die drei bislang erschienenen Moss Rose-Veröffentlichungen nahtlos im Backkatalog des Labels zwischen Harrison-Hancocks zahlreichen anderen Bands wie Thisismenotthinkingofyou, Allé, YURI, La Nausée und DEORC WEG, wiederfinden.
Trotz minimalistischer Instrumentierung, gelingt es den beiden einen atmosphärisch-erdrückenden Sound zu kreieren, der seine Konturen irgendwo zwischen Blackened Screamo, Post-Rock und -Hardcore erahnen lässt. Melancholisch-anmutende Gitarren-Linien und die rudimentären Drums werden durch zerfahrene Schrammelorgien und aus der Ferne klagendem Wehgeschrei regelrecht weggepustet. Sehr episch, düster, beklemmend - und in dieser Art auch irgendwie genial.

DL "Moss Rose EP" Here & Here
DL "Council Of Rats"
DL Split w/ Caton & Orphelie, Duct Hearts & Child Meadow

Buy "4-Way-Split" Here & Here



The Cheeseburgerpicnic - Iodine

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Adorno Records zum Zweiten: Mensch könnte leicht in die Annahme verfallen, kennt man eine Technical Math-Grind-Band - oder wie es neu-hipstertümlich heißt, Sassgrind-Band - , kennt man alle. Auch das 2017 gegründete Projekt The Cheeseburgerpicnic, das mit drei EP's bereits einen ordentlichen Arbeitsnachweis abliefern kann, weist starke Parallelen zu Szene-Bands wie Asthma Atttaq oder SeeYouSpaceCowboy... auf. Der Clou allerdings ist, dass sich dahinter lediglich eine Frau verbirgt, die hier oben benannten Stil auf technisch höchstem Band-Niveau zelebriert. Einfach nur der pure Wahnsinn, wie sich messerscharf schneidende Gitarren, hyperventilierende Schlagattacken und wechselndes Geschreie und Gegrowle in einem kathartischen Grind-Gewitter entladen.
Live wohl eher unpraktisch, aber vielleicht findet die nicht gerade schüchterne Maya Chun in Ann Arbor noch ein paar gleichgesinnte Mitstreiter, die das Ganze bühnentauglich gestalten. 
Für einen Überblick ihrer bisherigen Solo- und Bandprojekte (u. A. Bonzo, Youth Novel, Monster Bad, Goodthink), lohnt sich ein Besuch auf ihrer Bandcamp-Seite "Music Is Really Dumb".

DL "Iodine" Here & Here



Knights Of Ganymede - Knights Of Ganymede


Adorno Records zum Dritten und Letzten: um genauer zu sein, eine Kollaboration zwischen den beiden Labels Adorno Records und Middle-Man Records und deren Köpfe Shaun Harrison-Hancock und Shawn Michael Decker (u. A. bei Coma Regalia, Plague Walker). 
Mit Knights Of Ganymede geben die beiden einen zeitlosen wie nostalgischen Schubser gen 90er-Midwest-Emo(core), der in seiner zwanglos-unbekümmerten Art nicht selten an Cap' Jazz, Piebald oder die Anfangsjahre von Cursive erinnert. Ihr Debüt zählt zehn Songs, die mit vielen wechselnden Riffs und Twinkle-Gitarren-Melodien immer wieder aus einem allzu starren Korsett ausbrechen. Alles kann, nicht's muss. Und dennoch bleiben die Songs vor allem wegen des emotional-geschrieenem, mehrstimmigen Gesangs und der frenetischen Chöre in einem überschaubaren Rahmen und wissen mitzureißen. Gefühlsmäßig eher aufwühlend, als die Tränendrüsen quetschend, wenngleich die amerikanisch-englische Band ein gutes Gespür dafür hat, das Tempo auch mal zu drosseln.

DL & Buy "Knights Of Ganymede" Here & Here

Buy Here



(ache/emelie) - (ache/emelie) EP

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Um den kleinen Rundgang durch beide Labels zum Abschluss zu bringen, hier noch mal ein kurzer Blick in den Backkatalog von Middle-Man Records:
Wenn es nach mir ginge, könnten Streichinstrumente ruhig zum Hauptbestandteil des Screamos/Emos werden. Mononoke, Recreant, I Would Set Myself On Fire For You - die Liste an tollen Genre-Vertretern wird umso länger, je tiefer man in den musikalischen Untergrund abtaucht. (ache/emelie) - oder auch ache:emelie - waren irgendwie und in wechselnder Besetzung um die Jahre 2004/2005 aktiv und veröffentlichten neben der selbstbetitelten Debüt-EP noch eine weitere namens "Because That For Which I Exist" (7" war geplant, von denen allerdings nur die Test Presses das Presswerk verließen). Natürlich mischte auch hier wieder Label-Chef Shawn mit, der bekannte Label-Gesichter aus Coma Regalia, kaki.o.badi., John Q Public, Charlie McArthur von The Golden Rules und Bears, und, wie später auch bei Hex Lariat, seine Frau Lauren Decker, um sich versammelte.
Ihr Mix aus wilden Screamo-Attacken und mitreißenden Emo-Melodien, gepaart mit melancholischen Violinen- und Keyboard-Passagen, hätte sicherlich noch das eine oder andere Release und eine größere Aufmerksamkeit verdient gehabt.
Die CD-r zur S/T-EP ist bereits vergriffen, der Download seit je kostenlos.

DL "(ache/emelie)" EP



Soccermoms - Live Recordings #1

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Fußball, Mütter, Grind und Stoner - klar, dass passt wie Arsch auf Eimer. Haben sich auch die zwei Kerle und Frontfrau von Soccermoms gedacht und dieses Konzept in die musikalsiche Praxis umgesetzt. Zumindest ohne die ersten beiden Attribute, vermute ich mal, denn aufgrund der ziemlich roughen Vocals-Aufnahme lassen sich die dargebotenen Texte vorerst nur anhand der Song-Titel erahnen. Die sieben Songs ihrer ersten Live-Aufnahme könnten demnach um Themengebiete wie Sexpraktiken, Mini-Jobs, Faulenzertum, Gras, Riesensterne, kriegerische Elfen und moralisch-umstrittene Luftwaffen-Kommandeure kreisen. Wahrscheinlich sind aber auch angriffslustige Tiere und konservative Wut- und Spießbürger Ziele ihrer galligen Attacken. Würde nämlich gut zum anarchischen Charme der Leipziger Band passen. So stehen vor allem das klangvoll-umherwirbelnde Schlagwerk und die molligen Baszschläge im Rampenlicht des Debüts.
Die ersten 50 Tapes ihrer "Live Recordings" haben sie bereits an die Hörerschaft gebracht, was also heißen könnte, dass hier etwas Großes heranwächst. Wer die Tape-Edition ihres angekündigten zweiten Releases nicht verpassen will, kann sich mit "Witch Hunt" schonmal einen ersten Eindruck verschaffen und gespannt auf die nächsten Band-News warten.

DL "Live Recordings"



Götterfunken - Götterfunken


Ausgerechnet nach der Veröffentlichung ihres grandiosen Albums "Tear Room", entschieden sich die vier Emocoreler von Pride and Ego Down Ende 2015 ihr gemeinsames Bandprojekt zu beenden, obwohl kurz vorher noch die Hoffnungen auf eine neue EP geschürt wurden. Vielleicht fanden diese unveröffentlichten Songs ja ihre musikalische Vollendung in Sänger Niklas' folgenden Solo-Projekt Skinrise (ursprünglich You ≠ Me), die er auch später im Set seiner PAED-Solo-Akustiktour aufnahm.
Mit Götterfunken, das zumindest auf den ersten Blick nichts mit Beethoven oder Schiller zu tun hat, hatte sich auch Lukas Wever nach einer halb-jährigen Umzugspause nach London wieder zu Wort gemeldet. Für sein Emo-Post-Punk-Screamo-Projekt, das im Gegensatz zu dem von  Niklas' recht kühl und minimalistisch wirkt und zwischen Band-Vibe und tristen Abgesang pendelt, knüpfte der ex-Kölner gleich prominente Kontakte zu Jack Daley (Fat Tank Studios) und Silver Snakes-Sänger Alex Estrada (The Earth Capital), die der gleichnamigen Debüt-EP eine standesgemäße Aufnahme und Kontur verpassten.
Auf Lukas' Soundcloud-Seite gibt's die Songs, nebst zwei Non-EP-Tracks, als Rough-Mixes zu hören.

DL "Götterfunken"


Freitag, November 16

Bria Tharen - Axolotl



Kurzinfo:

Ein Star Wars-Fan mit Faible für Schwanzlurche? Mitnichten, denn schon früh wird klar, dass Bria Tharen ein sehr ernstes, tief-emotionales und vielleicht sogar notwendiges Band-Projekt ist. 
Mit Torpedo Holiday gewährte er erste Einblicke in seine Gedankenwelt, in Moro brachte er unangenehme Themen zur Sprache und mit Kaywinnet fing er erstmalig an, sich mental zu entblößen. Bria Tharen ist die logische Konsequenz seiner chaotischen und einengenden Gefühle, ein Zugeständnis und Ventil zugleich. Keine Katharsis, aber eine Offenlegung, in der die titelgebende Rebellin eben nicht nur die triviale Statistin in einem epochalen Weltraumspetakel ist, sondern eine emotional-erstarrte Seele, die ihren Mitmenschen mehr Schein als Sein vorlebte; der Axolotl keine ulkig aussehende Amphibie, sondern ein geheimnisvolles Individuum, das bis zum Lebensende in seinem jungen Körper gefangen ist.
Torsten kämpft offen mit seinen Gefühlen, muss diese schier aussichtslose Schlacht aber nicht alleine bestreiten. Für seine Liedtexte und sein musikalisches Konzept erhält er vielerseits Hilfe von befreundeten Musikern, Grafikern und Tontechnikern, wie Anaïs (thefish.and.thepearl, ALLE), Fabian (Sunsetter Recording Studio), Benny (Druckwelle, Interceptor Editions), Haukel Henkel (Songwriting 1. Song) oder FARCE (Songwriting 2. Song), weshalb Bria Tharen auch mehr als kollaboratives Projekt anzusehen ist. Der Sound hingegen ist recht minimalistisch gehalten. Schlängelt sich der Opener "Die Treppe von Flakturm IV" noch bedächtig durch mehrere Etappen und transportiert mit den programmierten Drums etwas mehr Vielfalt, kommt der zweite Song "Heute Abend klingt besser als irgendwann" fast ausschließlich mit e-orgelnden Tönen und Torsten's Schrei-Sprech-Sang aus, was die ohnehin schon düstere Thematik wie ein Abgesang ausklingen lässt.


Band: Bria Tharen

Titel/Release:Axolotl/EP (Digital; Tapes in Planung)

Label: DIY/Bandcamp, Interceptor Editions (Tapes)

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Singer/Songwriter-Emo, Screamo, Sadcore

FFO: Skinrise, Angel's Eyes, The Scarabeusdream

Links: Facebook\\//Instagram






DL "Axolotl"

Mittwoch, November 14

Pigeon - Bug



Kurzinfo:

Die Veröffentlichung ihres ersten Longplayers liegt noch nicht einmal ein halbes Jahr zurück, da meldet sich das umtriebige Quartett Pigeon auch schon wieder mit einer neuen EP an. "Bug" enthält fünf Songs, die nahtlos mit dem zuletzt kühler gewordenen Sound der Band verschmelzen. 
"Concern" balanciert gleich zu Beginn auf einem unangenehm stechenden Nagelbrett. Die schneidenden Gitarren, der tief-kratzende Bass, die harten Schläge der Drumsticks und der wie in einer großen, leerstehenden Lagerhalle umher irrende Hall-Gesang von Denes Bieberich - alles klingt nach mühselig-schleppender und schweißtreibender Schwerstarbeit. Auch das folgende "Ideal" startet eigentlich mit einem recht zugänglichen Riff und schraubt den Noise-Anteil etwas hoch. Doch trotz einiger höherer Anschläge, schafft es auch dieser Song nicht vollkommen aus seiner grund-düsteren Aura auszubrechen. Erst mit dem instrumentalen Titeltrack treibt die EP allmählich aus der Melancholie und mündet schließlich im fast schon ausgelassenen Closer "Hoisin".
Nach ihrem externen Labelausflug, erscheint "Bug" als Tape über das vom Flennen-Kollektiv supportete Leipziger Klein-Label Tortellini Records.


Band: Pigeon

Titel/Release: Bug/EP (50x Tape; Digital)

Label: Tortellini Records

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Post-Punk, Wave, Noise, Alternative, Industrial

FFO: The Jesus Lizard, Milemarker, No Trend, Sonic Youth

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Blog\\//Flennen




DL & Buy "Bug" Here & Here


Montag, November 12

Migal - Migal



Kurzinfo:

Im Norden Deutschlands hat die musizierende Bevölkerung noch immer kräftig Spaß am Splitten und Fusionieren. Eines dieser neueren Freundschaftsprojekte hört auf den Namen Migal, die sich auch gar nicht lange feiern lassen wollen und gleichmal mit ihrem ersten Output daher kommen. Auf dem gleichnamigen Debüt sticht sofort der markante Gesang bzw. das gutturale Geschreie vom ex-Chuck Bass-Sänger Felix ins Ohr. Zusammen mit den dynamischen Melodien ehemaliger Reasonist und den verspielten und spontan rhythmuswechselnden Gitarrenläufen einstiger Torpedo Holiday und Bijou Igitt, haben die vier Jungs aus Hamburg und Kiel schnell eine gemeinsame Basis für die ersten vier Songs gefunden.


Band: Migal

Titel/Release: Migal/EP (Digital; Tapes in Planung)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Screamo, Post-Hardcore

FFO: Masada, The Tidal Sleep, Todlowski

Links: Facebook




DL "Migal"

Freitag, November 9

SHRIMP - SHRIMP EP



Kurzinfo:

Ende 2016 musste die All-Grrrl-Band Ball Torture den Abgang ihrer Gitaristin verkraften, was mit der folgenden Suche nach adäquaten Ersatz schließlich den ersten Kerl in die Band spülte. Da der vorher praktizierte "Schwanzrock" (Quelle: FB/Torture Ball) somit scheinbar mit einem Verlust der Glaubwürdigkeit einhergehen würde, setzte die Aachener Band lieber gleich auf einen Neuanfang - hallo SHRIMP. Mit einem zusätzlichen Keyboarder an Bord, huldigt das angewachsene Quintett nunmehr dem "Überschrimp" oder hat sich der Suche nach einem solchen verschrieben, was weiß ich. Anarchistischer Spaß steht jedenfalls weiterhin ganz weit oben auf dem Programmzettel der Band, der auf der selbstbetitelten Debüt-EP in sechs eingängige Punkrock-Nummern mit viel Rockröhren-Appeal mündet. Und je nach Lust und Laune der Sängerin, rücken die überschaubaren Akkorde dann auch mal gerne an die Ränder zum Garage, Hardcore- und Streetpunk. Alles tanzbar, nicht's muss!
Und weil das nunmal so ist, hat die Band kürzlich den Restbestand ihrer selbstproduzierten, Cover-losen Tapes nochmal schnell ein Artwork zurecht gebastelt - mit einem Bild vom Tape. Klasse!


Band: SHRIMP

Titel/Release: SHRIMP/EP (Tape-Edition without Cover; last Copies w/ Cover; Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2017/2018

Genre: (Hardcore-)Punk, Riot Grrrl, Synthie-Punk

FFO: Ball Torture, Inner Conflict, Til Schweiger Must Die & Die Sky Du Monts

Links: Facebook\\//Bandcamp




DL & Buy "SHRIMP"

Buy Here & Here


 

Mittwoch, November 7

Ebisu - Paris/Berlin



Kurzinfo:

Sucht mensch im Netz nach dem Begriff "Ebisu", könnte er/sie auf ein chinesisch wirkendes, sich allerdings als japanisch herausstellendes Restaurant in Frankreich stoßen. Das ist toll, aber irgendwie auch wenig hilfreich. Geht die Suche weiter, stolpert mensch unweigerlich über die shintoistische Gottheit Ebisu, dem Geist der Fischer und des Glücks, womit mensch der hier avisierten Sache schon etwas näher kommt. Der japanischen Mythologie nach, wurde Ebisu als Krüppel geboren (ohne Knochen), weswegen ihn seine Eltern in einem Boot aussetzten. Als er an den Strand einer japanischen Insel angespült wurde, erwachte er zu neuem Leben. Genau dort will das gleichnamige französisch-deutsche Duo musikalisch ansetzen - laut, krachig, imposant, impulsiv. Kein Wunder also, dass Ebisu, The Band, in ihrer experimentellen Vielfalt nicht selten an die japanischen Zeuhl-Götter Ruins erinnert. Und so trudelt der Opener "Le Concert" auch fast schon majestetisch ein und irrt folgend in seinen knapp acht Minuten Spielzeit zwischen trashigen 70er-Jahre-Keyboardsounds und wild umher hüpfenden Avant-Jams.
Ebisu ist ein Nebenprojekt von Jean Jacobi (Guts Pie Earshot, Tecbilek, Subvasion) und Emmanuel Aldeguer (42 The Band, AL°R), den ich seit H.O.Z. schon etwas lieb gewonnen habe, ohne mich jetzt komplett als Groupie entblößen zu wollen. Eben jener leiht dem folgenden El Machetti-Remix des Openers auch seine Stimme, was den Wahnsinn in eine ganz andere Ecke drängt. Den letzten A-Seiten-Song, ein Idiot Saint Crazy-Remix des Openers, will ich an dieser Stelle nur mal höflichkeitshalber erwähnen.
Die B-Seite setzt die wilde Odyssee zunächst über drei Songs verteilt in Berlin fort. Vom Prenzlberg über F-Hain bis nach Lichtenberg, schafft es das Duo trotz minimalistischer Instrumentierung und ohne Gesang, die Hektik und Tücken der Großstadt einzufangen und in eine fast schon Noir-mäßige Verfolgungsjagd durch die 70er ausarten zu lassen. Auch wenn die eingesetzten Stilmittel sicherlich begrenzt sind, gestalten sich die Songs vor allem durch die vielen Rhythmuswechsel als äußerst spannend, die nie im unüberschaubarem Chaos enden. Dass die EP dennoch im noisig-überlagerten "St. Petersburg" ihr knirschendes Finale findet, rundet das Gesamtbild eines, im wahrsten Sinne des Wortes, internationalen Releases ab.

"Paris/Berlin" wurde ursprünglich als Crowdfunding-Projekt über Indiegogo gestartet, das sein Mindestziel allerdings nicht erreichte. Emmanuel Aldeguer finanzierte das 10"-Vinyl-Release daher kurzerhand aus eigener Tasche mit Hilfe von Broken Silence und dem Major Label. Wer eine Scheibe haben möchte, wendet sich somit ungeniert an dem Franzosen.


Band: Ebisu

Titel/Release: Paris/Berlin / EP (Black 10"-Vinyl; Digital)

Label: DIY

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Noise-Rock, Experimental

FFO: Mike Patton, Ruins, Rotor
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         Links:     \_(°_°)_/


Buy via PM on FB to Emmanuel Aldeguer or Mail to: manuhoz@gmail.com





Jahres-Sampler