Samstag, August 19

Wiederhören: Hella - There's No 666 In Outer Space



Ihre ungeraden Math-Rhythmen, bizarren Sprünge und progressiven Windungen, das hyper-aktive Schlagzeug von Tentakel-Mann Zach Hill  - Hella waren schon immer eine Nischenband zwischen Faszination und Wahnsinn. Klar, phasenweise recht interessant, technisch beeindruckend und fernab der üblichen Hörgewohnheiten. Aber auf fünf Albenlängen und dazu noch rein instrumental? Das zerrte gewaltig und machte jede Ohrmuschel irgendwann porös.
Für ihr 6. Album "There's No 666 In Outer Space" lud sich das amerikanische Duo daher ordentlich Rückendeckung zu sich ins Studio ein. Mit dabei: Zach's Cousin Josh Hill (Gitarre), Bassist Carson McWhirter und mit Aaron Ross auch erstmalig einen Sänger. Die letzten beiden kannten Hill und Hella-Gitarrist Spencer Seim bereits aus vorangegangenen gemeinsamen Projekten wie Solos, Holy Smokes und The Advantage. Ein frivoles Name-Dropping und Band-Hopping, dass auf "There's No 666..." zu einem erstaunlich homogenen Resultat führte. Die Songs wurden voller, bekamen ungeahnte Strukturen und Konturen. Sogar die eingeschleusten Gäste Saxofon und Cello schafften es nicht, den ur-eigenen Wahnwitz zu überspitzen. Schnell keimten Vergleiche zu den Progressive-Göttern The Mars Volta auf. Zu Recht, denn so komisch es klingt: greifbarer als auf diesem Album, klangen Hella noch nie und nie wieder.




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Mittwoch, August 16

Der Bandcamp-Hardcore Vol. 36


Universe - Passenger



Screamo/Crust/Hardcore/Metal mit Folk-typischen Instrumenten sind mittlerweile sicher keine Ausnahme mehr. Bands wie Respire, Recreant und auch Mononoke hierzulande, befinden sich zweifelsohne an der Kreativ-Ader. Auch die ehemalige Band Universe aus Bloomington, Indiana kann sich getrost dieser Riege anschließen, obwohl sie doch vollkommen anders klingen.
Die Band mit damaligen Mitgliedern aus nicht weniger verqueren Gruppen wie Sophie Nun Squad, Ghost Mice, Good Luck, Harry And The Potters, Black Rainbow und Dead Letter Auction, spielt auf einer Basis von melodischen wie teils mathigen Alternative-Rock, mit einigen Twinkle-Twinkle-Pop aber auch Emocore-Ausflügen - und eben diesen Harfen- und Violinenklängen, die Songs wie "Pass The Ipecac" oder "Interplanetary Land Grab" einen fast schon seriösen Anstrich verpassen. Im Grunde sind Universe aber auch auf ihrem zweiten Release "Passenger", das halb DIY und halb über das Bloomingtoner DIY-Punk-Label Harlan Records erschien, eine ziemlich ausgelassene Truppe, die mensch lieber nicht seiner seriösen Verwandtschaft vorstellen möchte.

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DL "Passenger"


Forgive Me - Demo

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Junge Band aus alten Bekannten. Hinter der Offenburger Band Forgive Me verbergen sich Gitarrist Ben und Bassist Kevin, die zuvor bereits gemeinsam bei Sense und meines Erachtens auch bei Century (lasse mich aber gerne korrigieren) gespielt haben. Ohne viel Vorgeplänkel, dafür mit bedrohlichem Riff und wütendem Geshoute, stürmt ihr selbst-veröffentlichtes und -produziertes Demo durch Tür und Angel. Im Laufe der drei Songs blitzen immer wieder kleine Post-Rock-, Melodic Hardcore- und sogar Old-School-Versatzstücke in ihrem - nunja - Post-Hardcore-Sound auf, die allerdings aufgrund der rohen und analogen Aufnahme nur unterschwellig wahrgenommen werden. 
Ihr Demo gibt's kostenlos oder gegen Spende auf Bandcamp. Dazu fertigte das Trio eine Kleinstauflage von CDr-Unikaten (jedes Cover anders bemalt) an, die scheinbar schon restlos vergriffen ist.

DL "Demo"


Minutes From Memory - Start From The Beginning EP

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Da hat sich Einiges getan bei der Stuttgarter/Ludwigsburger Band Minutes From Memory. Nicht nur, dass sich im Gegensatz zum drei Jahre zuvor erschienenen Vorgänger "Life Portrait" zwei neue Gesichter hinter Bass und Gitarre wiederfinden. Auch die cleanen Gesangspassagen von Frontfrau Marta haben zu Gunsten des reichlich emotionalen Geschreis deutlich abgenommen, was die Band dann doch endlich ein Stück weiter weg vom immer mehr aufkeimenden Vergleich zu Paramore drängt. Vielleicht verbirgt sich ja auch genau das hinter dem EP-Titel - ein Neuanfang. Gut so, denn die emotionalen, teils düsteren und persönlichen Texte stehen dem wütendem Sound so eindeutig besser zu Gesicht. Auch, weil sich die Songs wesentlich aufgeräumter, um nicht zu sagen eingängiger, präsentieren und nun scheinbar mit der Sparte Melodic Hardcore ihr endgültiges Ziel gefunden zu haben. Hört euch nur die Songs "Witness" und "Day In Day Out" an, zwei Ohrwürmer, die mensch nicht zwangsläufig in der untergründigen Musiklandschaft vermuten würde.
Toll gelungen ist auch das Artwork, dass mit dem zentrierten Waldgott aus dem Anime "Prinzessin Mononoke" den niemals vollkommen resignierenden Gedanken der EP zum Ausdruck bringt. Lässt sich übrigens am besten auf dem Cardboard der selbstveröffentlichten CD bewundern.

Stream & Buy Digitally "Start From The Beginning" EP

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New Golden - New Golden EP

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Und wieder einmal so 'ne Clique, die sich auf irgendeinem Dorfbums in Berlin kennen und schätzen gelernt und das nächtliche Saufgelage zur Gründung einer neuen Inzestband genutzt hat. Vermutlich.
Bei New Golden mischen ehemalige und aktive Mitglieder von Sidetracked, Flyktpunkt, Nervöus und Sleep Routine mit, die mit ihrer selbstbetitelten Debüt-EP auch gleich mal beim Berliner Szene-Label Colossus Tapes gelandet sind. Ob von den schwarzen Kassetten im weißen Pappschuber mit Poster-Inlay noch welche vorrätig sind, erfragt ihr lieber per Mail (colossus.tapes@gmail.com), da der Label-eigene Bigcartel-Shop schon seit geraumer Zeit nicht ganz rund läuft.
Für ihr neues Projekt haben sich die vier (Wahl-)Hauptstädter ein Stück weit weg von ihren gewohnten Terrain bewegt. Irgendwo zwischen Post-Punk, Melodic Hardcore und rauhem Gainesville-typischen Emo(core)-Punk bewegen sich die sechs eingängigen Songs.

DL "New Golden"

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Sleep Routine - All Our Evil Deeds EP

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Ehemalige Band bestehend aus ehemaligen Bands (Easy Lover, Morla). Anfang des Jahres gab das Berliner Quintett Sleep Routine nach nicht einmal drei-jährigem Bestehen seine Auflösung bekannt. Konnte sich die selbstbetitelte Debüt-EP gleich mal die Krone der Visions-Rubrik "Demo des Monats" aufsetzen, folgte anderthalb Jahre später mit "All Our Evil Deeds" ein, meiner Meinung nach, ebenbürdiger Nachfolger. Rauher Post-Hardcore-Emo der melodischen Sorte à la Hot Water Music oder auch puristischeren Malkovich. Ein würdiger, wenngleich viel zu früher Abgang. Hätte ich gerne noch auf Albumlänge erlebt.
Neue Bands sind übrigens Indian Summer Westward HO!, Piece, Seek Nothing und Bomb Out.

DL "All Our Evil Deeds" EP

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Bring Me The Author - Act 2: The Defined

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Eine altbewährte aber ziemlich solide Mischung aus Progressive, Metal-, Melodic- und Post-Hardcore spielt dieses kanadische Quintett (Studio- und Live-Drummer wechseln, daher eigentlich Sextett). "Act 2: The Defined" ist bereits das zweite Konzept-Album der Band, dass sich als weniger vertrackt entpuppt, als es der Titel vermuten lässt. Im Gegenteil. Die Songs können auch für sich alleine stehen. "Some Will Wonder I Will Know" ist gar eine bitter-süße Romantikballade und auch der Closer "The Bitter Taste Of Denial" hält zum Ende hin eine lockere Akustik-Nummer im Verborgenen. Mit Gastsängern wie Michael Ciccia (Mandroid Echostar) und Blake Prince (Straight Reads The Line) wird das Ganze natürlich noch Genre-mäßig aufgepeppt. 
Ich will mal behaupten, dass Bring Me The Author mit einer besseren Lobby (oder Bandnamen) Szene-Größen wie Protest The Hero oder Between The Buried And Me in nichts nachstehen würden.

DL "Act 2: The Defined"


Schwache Nerven - Demo

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Als Göttinger Punkband kommt man mit seinen Aufnahmen wohl kaum am mobilen Record-Label Henner Rekorder vorbei. Für den regional unerfahrenen und doch geneigten Hörer empfiehlt es sich daher, sich für einen groben Überblick an der Referenzliste der "Heimstätte des gepflegten Schmutzes" entlang zu hangeln. Über melodische wie trashigere Szene-Kombos wie herculines, Sorbet oder Deutsche Laichen (da gibt's noch ca. eine Billion andere, #billionenstadtgoettingen) wird man auch irgendwann über den Vierer Schwache Nerven stolpern. 15 Songs in nicht einmal 12½ Minuten, die sich zwischen Punk, Fastcore und Crust ordentlich austoben. Was für ein fieses Brett, aber auch eines, dass ordentlich Spaß macht. Die Produktion ist rauh und dreckig, wie es sich eben gehört, aber immer noch klar genug, um die stark komprimierten aber melodisch antreibenden Gitarrenlinien genug Wirkungsraum zu lassen. Klingt für mich wie ein unkontrollierter Niesanfall, nur dass anstelle von Rotz kurze Ruins-Nummern ausgeworfen werden. Geil!


Buy Tape via Mail to: schwachenerven@gmx.de


Nerf - Bespensterung

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Einen ähnlichen Ansatz wie oben genannte Schwache Nerven verfolgen auch die raffsüchtigen Berliner_innen von Nerf. Gleiches Tempo, noch kürzere Songs, wesentlich trashiger. Und inmitten dieses "Kunstdozentenhardcores" schaffen es die fünf Hauptstädter_innen doch tatsächlich noch eine Orgel unterzubringen. Krass, denn meiner Meinung nach gibt es hierzulande viel zu wenige Snargs und Lafftraks.
Nach zwei "Alben" verkündete die Band dann im Jahr 2013 ihr Aus, nur, um sich zwei Jahre später genauso klammheimlich wieder unter die Punkmassen zu mogeln. Es folgten einige Shows und in diesem Jahr schließlich "Album" #3. "Bespensterung" kommt im schicken Fold-Out-Cardboard mit DLC oder digital.

Stream & Buy Digitally "Bespensterung"

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Sayras - S

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Global-politisch gesehen, scheint die Schweiz ja immer ein ganzes Stück weit autarker zu sein als der Rest, was nicht bedeutet, dass in dieser Konklave nur Friede, Freude, Sonnenschein herrscht. Im Gegenteil, dass sich die Menschen auch dort ihre Gedanken machen, zeigen zumindest Bands wie Sayras, die unterschiedlichen Berichten zufolge bereits seit 2006 oder 2009 ihr musikalisches Unwesen treiben. Nach einigen Besetzungswechseln und Neudefinitionen ihres Sounds, fanden die fünf Luzerner 2015 endlich zu einem gemeinsamen Nenner und konnten nun an richtigen Songs arbeiten, die 2016 ihren Weg auf's Mini-Album "S" fanden. Darauf zu hören gibt's old-schooligen Metalcore, der so ganz ohne elektronische Schnörkel und cleanen Weichspüler-Gesang auskommt. Und, für diese Sparte auch etwas unkonventionell, mit ziemlich kritischen und direkten Texten, die mensch eher im Deutschpunk/Switz-Punk (??) verorten würde.

DL "S"

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In der Kürze liegt die Würze


Fratze - Im Nachhinein Bedenklich Demo

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Die Flut an undefinierbaren DIY-Bands reißt einfach nicht ab. Alfons Bauer, Kannibal Krach, Festefeste und nun also auch Fratze. Das Berliner Duo betitelt ihren Stil selbst als "Schwachcore". Ein Lauschangriff auf ihr Debüt-Demo "Im Nachhinein Bedenklich" stellt sich dann glücklicher Weise als etwas harmloser heraus. Zwar sind die vier Songs in einem mehr als bescheidenen Proberaumklang gefangen. Stilistisch schielt das Ganze aber sympathisch-nostalgisch gen 90er-Noise-Rock, Alternative, Emocore und Grunge. Vielleicht wird da ja noch mehr draus, als nur eine reine Spaßband. Vielleicht ist es aber auch schon vorbei mit der Band, weil einige Beteiligte lieber ernstere Sache mit JaaRi machen wollen...

DL "Im Nachhinein Bedenklich"


Anal Trump - That Makes Me Smart

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Große Gefahren erfordern ein schnelles Handeln. Die beiden Amerikaner Hardcore-Veteranen Rob Crow (u. A. Holy Smokes!, Pinback) und Travis Ryan (Cattle Decapitation, 5/5/2000, uvm.) haben schnell auf die amerikanische Präsidentschaftsmisere reagiert und mit Anal Trump ein musikalisches Äquivalent geschaffen. Seit ihrer Zusammenkunft in 2016 hat es das Grindcore/Powerviolence-Duo bereits auf fünf Releases gebracht, wovon vier letztendlich auch zur physikalischen Formvollendung fanden, mittlerweile allerdings rar und teuer gehandelt werden. Ihr letztes "That Makes Me Smart" fasst ganze 30 Songs (!), die insgesamt nicht länger als 3 Minuten Spielzeit  (!!) benötigen und ihren Platz auf 1 7inch (!!!) gefunden haben, 1-seitig bespielt (!!!!) natürlich. Muss man nichts zu sagen, denke ich. Typisch San Diego.

DL "That Makes Me Smart"

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Sonntag, August 13

Erfurt70 - Erfurt70



Band: Erfurt70

Titel/Release: Erfurt70/EP (100x Tape in Cardboard, Digital)

Label: Sabotage Records

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Hardcore-Punk

FFO: Vyst, Discharge, Brutality Will Prevail

Links/E-Mail: Last.fm / erfurt70@riseup.net



Kurzinfo:

Keine Frage: Jungbluth verstehen es meisterlich, aus einem Elefanten eine Mücke zu machen. Nicht nur, dass sie ihr letztes Album "Lovecult" - wie bereits HIER erwähnt - fast schon beiläufig und trotzdem effektiv unter die Massen gebracht haben und mittlerweile ebenso stillschweigend in die Tape-Produktion (Kassette, bitte.) übergegangen sind. Nein, da muss mensch auch erst über zig Ecken erfahren, dass die drei Münsteraner scheinbar ein neues Bandprojekt am Laufen haben. Gemeinsam mit dem ehemaligen The Now Denial-Sänger Sören hört das dann auf dem einprägsamen Namen Erfurt70 und klingt nach old-schooligen und fies-groovenden Hardcore-Punk.
War "Lovecult" bereits von einer kathartischen Eingängigkeit geprägt, ist "Erfurt70" nun die komplette Befreiung von den selbst auferlegten, post-modernern Fesseln. Ein Brett!

DL Here, Here (direct-link) & Here

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Donnerstag, August 10

Jeeps - Muster Point



Band: Jeeps

Titel/Release: Muster Point/Album (CD, Digital)

Label: DIY/Straw Port Records/Tea Tone

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Alternative, Fuzz, Pop-Punk, Indie(-pop)

FFO: Weezer, Cloud Nothings, The Rentals, Pixies, Zealous Yen

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Kurzinfo:

Tausendsassa und Weltenbummler Glen Strachan hat es fünf Jahre nach der Gründung seiner Band Jeeps nun auch endlich geschafft, das erste Band-Album fertig zu stellen. Einige Songs auf "Muster Point" waren bereits in etwas anderen Versionen und schlichteren Produktionen auf ein paar vorangegangenen Online-EP's zu hören, wie der knarzend-groovende Opener "Down at the Philosophy Bar", das Minnesang-artige "Michael, Are You Breathing?" und der soulige Hit "Getting on with the Past", die nun allesamt ein weitaus krachigeres Soundgewand verpasst bekommen haben. Diese drei Songs bilden vielleicht auch den Querschnitt des Albums: wummernder, kratziger Alternative-Rock gepaart mit hymnischen Pop-Punk-Melodien, wie er zu Hauf auf den Hitalben von Weezer zu finden ist. Das die Bandidee ursprünglich in Berlin aufkam, ist den Songs im Gegensatz zu Strachan's Soloalben so gut wie nicht anzuhören. Vielmehr schwingt in den poppigen Momenten von "Muster Point" die Melancholie und das Selbstverständnis des Brit-Rock/Pop mit, wobei die insgesamt elf Songs sicherlich auch von den Erfahrungen und weiterentwickelten Gedanken von Strachan's ehemaligen Projekten TheBed und England & The April profitierten. Von der neuen Produktion hingegen profitiert nicht nur der Bass, sondern vor allem Edvina Fahlqvist's liebliche und arienhafte Stimme, die uns so einige Gänsehautmomente auf dem Album beschert und darüber hinaus im Duett auch die gelegentlichen atonalen Entgleisungen von Strachan ausmerzt.

Ein tolles Debüt-Album haben die mittlerweile zu dritt (neuerdings mit Drummer Grant Salmon) agierenden Engländer und die Schwedin hier abgeliefert, dass sich eigentlich nicht im Underground verstecken muss. Wie wir den DIY-Man Glen Strachan nun aber schon kennenlernen dürften, scheint er sich genau dort pudelwohl zu fühlen.

Stream & Buy "Muster Point"




Montag, August 7

a.spike on T phenomena - Her Lovely Bones EP



Band: a.spike on T phenomena

Titel/Release: Her Lovely Bones/EP (CD in Cardboard, Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2011/2013

Genre: Art-Rock, Indie, Alternative, Stoner, Progressive

FFO: Biffy Clyro, Radiohead, The Double, 31 Knots, Cannahann, Echolons)))

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Kurzinfo:
 
Die Band aus Erfurt existiert bereits seit dem Jahr 2008, anfangs allerdings noch unter dem Namen The Pacemaker (Der Schrittmacher), in dem die vier Thüringer nach eigenen Angaben den Herzfehler ihres Bassisten Andreas Steinkopff gemeinsam verarbeiten wollten. Das setzt sich auch mit der kryptischen Umbenennung in a.spike on T phenomena weiter fort, ein Begriff, der nach einer intensiveren Recherche wohl auch dem medizinischen Sektor entspringt (irgendwas mit Kammerflimmern), darüber hinaus aber ruhig schonmal als erste Vorwahnung auf ihren experimentellen Sound verstanden werden darf.
Ihre zweite EP "Her Lovely Bones" schreitet mit dem Titeltrack zunächst recht eingängig voran. Über ein sattes und leicht knarzendes Alternative-Stoner-Fundament kreist die markant-energische Stimme von Marcel Hilpert, die am Ende des Songs von einem Riffgewitter regelrecht weggepustet wird. Darauf  folgend, breitet die Band in "Snapshot" einen betörend-melancholischen Klangteppich aus taktvorgebenden Drums und sanft-poppigen Electronicas aus, der immer wieder durch rockige Einschübe aufgerauht wird. Spätestens ab diesem Song können a.spike on T phenomena ihre Einflüsse von Radiohead oder früheren Biffy Clyro, vielleicht sogar Gluecifer und Marilyn Manson, nicht mehr leugnen. Das Quartett beschränkt sich nicht nur darauf, gefühlvolle und fett groovende Passagen aneinander zu kleistern, ihrem rifflastigen Sound und dem teils verzerrten Gesang schwingt auch eine gehörige Portion Sexappeal mit.

Leider liegt die Veröffentlichung von "Her Lovely Bones" nun auch schon fünf Jahre zurück, auf den angekündigten Nachfolger "Barrier Lake" wartet die treue Hörerschaft noch immer. Hilpert und Drummer Frederic Schmidt haben seit einigen Jahren mit Elephants In Castle aber immerhin ein Nebenprojekt am Laufen, dass sich nicht all zu sehr weit entfernt vom Sound ihrer Hauptband.

DL Her Lovely Bones EP

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Freitag, August 4

TRIST - Kratzer EP



Band: TRIST

Titel/Release: Kratzer/EP (50x CDr, Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Indie, Noise, Emo, Shoegaze

FFO: Klez.e, Yellnikow, Kaufmann Frust, Multiplex Johnson, XTR Human

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Kurzinfo:

Hinter dem Bielefelder Trio verbergen sich die Überreste der einstigen Slacker-Rocker We Are From Pluto um Rosi-Alleinunterhalter Sven Rosenkötter alias Ludvig Nehrig, die als TRIST mit "Kratzer" nun also ihr Demo-Debüt abliefern und darauf den Bandnamen gleich mal zum Programm machen. Fünf Songs, die sich fast schon hypnotisch in melancholischen Endlosschleifen und monotonem Minimalismus verlieren. Wäre der Begriff Depro-Punk nicht schon für den Post-Punk/Wave reserviert, hätte er auch eine gute Umschreibung für die ersten drei EP-Songs abgegen können. Passt dann aber irgendwie doch nicht so ganz, denn die grobe Überschrift, unter der TRIST ihre eindringlichen Kreise ziehen, lautet wohl Indierock. Das kann bisweilen an gealterte Tocotronic erinnern, so ab der "Pure Vernunft darf niemals siegen"-Ära, oder eben an dem unkonventionellen Art-Pop ehemaliger Klez.e. Dabei besticht "Kratzer" vor allem aber durch eine provozierte Schlichtheit und Eingängigkeit, womit sie der Radiokompatibilität trotz dieser beiden massentauglichen Attribute eiskalt den Rücken zuwendet. "Kratzer" ist ein emotional nachdrückendes und atmosphärisches Werk, das mit viel Geduld erarbeitet werden muss. Kann mensch das nicht, wird sich wohl kaum eines der Stücke in der Großhirnrinde verheddern. Für die/den Ausdauernde/n dagegen gilt es eine Menge stilistischer Versatzstücke zu entlarven, wie dem fast schon doomigen Ausklang im Opener "Allein", dem Shoegaze-Ausflug in "Glücklich" oder dem noisigen Post-Rock-Ritt in "Ducken_Verstecken". Im Vergleich dazu, stürmt "Dresden" geradezu frivol und leicht aufgeregt aus den Startlöchern und schwingt zum Ende hin gehörig die Post-Hardcore-Keule, wie er delbo zu jener Zeit gerne nachgesagt wurde. Das ist vielleicht etwas viel Namedropping für einen Kurzspieler, das sich allerdings nur ergibt, wenn mensch fernab des hiesigen Mainstreams unterwegs ist. Wichtiger ist, dass TRIST ihre Songs nicht zum belanglosen Konsumgut erklären, sondern die ihnen gegebenen musikalischen Freiheiten zu Gunsten einer eindringlichen Atmosphäre ausleben, auch, wenn sich das ziemlich auf's Gemüt niederdrückt.

DL Kratzer EP


Mittwoch, August 2

Walter Kovacs - Walter Kovacs [Tape]




Vor fünf Jahren waren die beiden Elektropunks mit rauer Stimme auf unserem Jahres-Sampler vertreten. In der Zwischenzeit hat die Bands noch ein paar Songs geschrieben, kleinere Konzertauftritte gegeben und hauptsächlich prokrastiniert. Da haben sie die Rechnung ohne den Typen von Last Exit Music gemacht, denn der muss einfach Tapes von verloren geglaubten Bands produzieren. Daher gibt es Walter Kovacs bald auf Tape mit allen alten und neuen Songs, die Diskografie auf einem Band quasi. Daher solltet ihr schon jetzt die Gelegenheit ergreifen und das Tape im Last Exit Shop vorbestellen oder zumindest den Download für einen fairen Preis auf Bandcamp abgreifen. Los!


Band: Walter Kovacs

Titel/Release: Walter Kovacs

Label: Last Exit Music

Erscheinungsjahr: 2017

Genre: Elektropunk

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Tape preordern

Dienstag, August 1

ROSI - Grey City Life LP




Ich sitze in einer völlig überfüllten Bahn. Die Leute kommen von der Arbeit. Nur ich bin schon fast im Club, betrinke mich, tanze. ROSI schreiben ein Album drüber. Ich kannte das Duo schon etwas länger und war ihren düsteren Post-Punk schon aus ihren Konzert-Schnipseln auf Youtube gewohnt, fühlte mich aber nie so betroffen, wie zum Release des ersten Longplayers. Grey City Life erzählt die dramatische Geschichte der Großstadt, dessen Alltag man nur mit Trinken und Tanzen entfliehen kann. Die Stadt ist kalt, grau und leer. Das wird verdeutlicht durch finstere Melodien, ruhiger Stimme und stetiger Wiederholung. Fast minimalistisch bahnt sich die Fantasievorstellung in die Ohren. Unterbrochen wird dies nur durch die Songs "Tanzen" und "Schwarzer Kaffee", die mit leicht schnellerer Rhythmik und Synthesizer-Einsätzen fast tanzbar sind. Einige andere Mags beschreiben das als "schräg" oder "verstörend". Stimmt, und ihr werdet das mögen.

Passenderweise gibt es die Platte auf 180 Gramm pechschwarzes Vinyl, dazu ein Bandcamp-Downloadcode.

Band: ROSI

Titel/Release: Grey City Life

Label: DIY/In A Bad Mood

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Post-Punk, Indie

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Truebacca - Bird Mountain EP



Band: Truebacca

Titel/Release: Bird Mountain/EP (Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Alternative, Singer/Songwriter, Experimental

FFO: Null, LelKem, Scumbucket

Links: Facebook



Kurzinfo:

Zwischen Yeti, BigFoot, Ewoks und Monchichi, ist der Wookie wohl das charismatischte aller aufrechtgehenden Wollknäuel (abgesehen von Harry von den Hendersons). Kein Wunder also, dass sich seit jeher schon so mancher Künstler hinsichtlich seines Namens beim wortkargen Oberwookie Chewbacca bediente. Drei von ihnen haben sich nun sogar zu einem Wortspiel hinreißen lassen: Truebacca. Und genauso wie das scheinbare Faible der drei beteiligten Musiker, sich nach fiktiven Charakteren und Alter Egos aus/von "Alf" zu benennen, scheint das im ersten Moment so rein gar nichts mit der Musik gemein zu haben.
Truebacca ist das (relativ) neue Projekt von ex-Cannon for Cordoba-Gitarrist und -Sänger Alex. Komischer Weise lässt sich das auch dem routinierten Konstrukt der Debüt-EP "Bird Mountain" anhören, trotz der a-puristischen Verspieltheit der Songs. Aber auch das scheint ein Überbleibsel seiner ehemaligen Postcore-Band zu sein, genauso, wie die geradezu selbstverständliche Hymnenhaftigkeit in den Songs "Emperor" und "Asterix". Vieles auf "Bird Mountain" klingt bis ins kleinste Detail durchdacht und penibel zusammengetüftelt. Dazu die fast schon altehrwürdige, erhabene (und irgendwie auch an Kurt Ebelhäuser erinnernde) Stimme, die die experimentell mäandernden Songs dann doch wieder in die Spur zurückholen.
Letztendlich ist "Bird Mountain" das Debüt einer Band, das eindrucksvoll zeigt, zu was sie im Stande ist, ohne dabei einen allzu vorhersehbaren Weg einzuschlagen. Ein kräftiges Alternative-Fundament, das mit progressiven, mathigen, noisigen als auch spacigen Versatzstücken immer wieder aufgebrochen wird und sich dem avantgardistischen Element des Singer/Songwritertums bedient.
Nicht mehr und nicht weniger, und vorerst nur digital. Hoffentlich nicht lange, denn das tolle Druckwelle-Cover gehört zweifelsohne auf 12"-Format ge(sieb)druckt.

Stream & Buy Digitally "Bird Mountain" EP

Mittwoch, Dezember 21

Jahresende: Microwave - Much Love



Jetzt ist es schon Monate lang still auf unserem Blog. Haben weder die Haustür geöffnet, noch die Post gelesen, geschweige denn einen Post für den Blog vorbereitet. Und keine Sorge, eine Top 10 des Jahres 2016 haben wir auch nicht aufgestellt. Wenn ihr das wollt, könnt ihr euch durch die anderen Musikfanzines arbeiten oder eure Facebook-Timeline durch scrollen. Was bleibt also nach meiner langen Schreibabstinenz? Vielleicht ist es dieses Album von Microwave. Die vier Musiker aus der Hauptstadt Georgias veröffentlichten nur zufällig mein persönliches Lieblingsalbum Dezember 2016, obwohl es schon drei Monate alt ist. Wie auch immer, Much Love ist der zweite Langspieler der Band, auf dem die Truppe ihre Liebe der Welt widmet. Das schöne an der Platte ist ja, dass sie unterbewusst so sehr Punk ist, wie es die Musikerkollegen aus Kalifornien kaum schaffen könnten. Mit den vier braven Buben auf dem Cover erscheint das Album so unscheinbar, womöglich ein Album gespickt mit schnulzigen Liebessongs, aber das muss es gar nicht sein. Es ist eher eine Liedersammlung gegen den Dreck der uns umgibt, ummantelt mit den Emotionen und dem Indiesound à la Tim Kinsella -Projekte. Das alles explodiert in ambient-postigen Schreimomenten, wie man sie im deutsprachigen Raum von Fjørt oder The Tidal Sleep kennt.
Zieht euch die Band einfach mal rein und kauft die Platte, am Besten beim Label SideOneDummy, da gibts die nämlich noch im coolen White Splatter Look.

Bandcamp
SideOneDummy Rec.

Sonntag, September 25

Platte des Monats 09/2016: Brutale Gruppe 5000 - Zukunftsmaschine II



Band: Brutale Gruppe 5000

Titel/Release: Zukunftsmaschine II/Album (Black Vinyl, 77x Tape, Digital)

Label: RilRec, Raccoone Records, Uga Uga Tapes

Erscheinungsjahr: 2016

Genre: Deutschpunk, Laserpunk, Punk, Hardcore-Punk

FFO: Snarg, Loser Youth, Affenmesserkampf, Mann kackt sich in die HoseAntitainment

Links: Blog\\//Facebook\\//Youtube\\//Last.fm



Kurzinfo:

Haben es die vier Jungs also doch noch geschafft ihr Debüt-Album vorzulegen. Wurde ja auch endlich Zeit, denn mittlerweile kamen mir schon einige Zweifel auf, ob sich hinter Brutale Gruppe 5000 tatsächlich Laserpunks oder nicht doch etwa bloß Lazypunks verbergen. Auch wenn das natürlich ein ziemlich flacher Einstieg von mir ist, soll er euch dennoch schonmal auf das vorbereiten, was "Zukunftsmaschine II" in Form von 16 Tracks von der Leine lässt.
Es ist vor allem der schmale Grad zwischen Ironie, Sarkasmus und Zynismus, der das Album zu einem wahren Szeneschmaus ausmacht. Versucht doch mal, das Wort "Pollenschweine" so schnell ihr könnt dreimal hintereinander aufzusagen ... verblüffend, oder? Und fast schon durch die Blume gesprochen, wenn man bedenkt, dass die Jungs in alles andere als indirekten Deutschpunk-Bands wie Contra Real, Praxis Dr. Shipke und Loser Youth sozialisiert wurden. Vielleicht will uns ein Song wie "Ich will keine Blume sein (Verdammt!)", der sich live sicherlich auch gut für eine Zugabe eignen würde, ja genau das sagen: Weniger Honig um den Mund, mehr Tacheles! Brutale Gruppe 5000 verzichten darauf, adäquate Verse für die Hipstergeneration zu kreieren. Stattdessen stürmen sie geradewegs Freischnauze voraus und haben dabei auch keine Scham, sich gelegentlich bei Genre-Größen wie Black Flag ("Kapot + Asozial"), Minor Threat ("Ich wills nicht hören") oder Circle Jerks ("Wild auf der Strasse") zu bedienen. Wer sein Gehirn unbedingt auf Siedetemperatur bringen will, kann ja versuchen, den Stücken "Scheiss Pollen", "Verrückte Viecher" und "Dinosaurs will die" etwas gegenwärtige Gesellschaftskritik zu entlocken. Muss man aber nicht, denn wer aus "Angriff der Killertomaten" und "Die Dinos" sampelt, läuft ohnehin nicht ganz rund, wie wir hierzulande spätestens seit Lafftrak wissen. So ist "Zukunftsmaschine II" nicht nur ein Album, dass sich nostalgisch im oldschooligen und dreckigen HC-Punk suhlt, sondern in zweiter Linie auch richtig Spaß macht. Egal ob eingängige Kopfnicker-Hymnen, melodiöse Punknummern wie der Opener "K.K.K." und der Album-Hit "Fabian" oder Songs, die sich einfach nur in einen dadaistischen Orgasmus hineinsteigern - zu "Zukunftsmaschine II" gilt es peinlich abzuzappeln, in der Hoffnung, von möglichst vielen skeptischen Blicken erhascht zu werden. Prost!

DL "Zukunftsmaschine II" Here & Here

Buy Here, Here, Here, Here, Here & Here



Mittwoch, September 21

Die Bandcamp-Punks Vol.28


Easy Lover



Vielleicht war es ja reine Berechnung, dass sich Easy Lover ausgerechnet nach einem der größten Bailey/Collins-Hits benannt haben, um auf diesem Wege ein paar fehlgeleitete Suchmaschinennutzer abzugreifen. Mit dem klassischen Rock des britischen Altmeisters oder dem im Song besungenem "Flittchen", hat das Berliner Trio um Shouterin Aika auf dem ersten Blick jedenfalls herzlich wenig zu tun. Bereits auf ihrem 2014er-Debüt servierten uns die Hauptstadtundergrounder eine treibende wie düstere Symbiose aus Hardcore-Punk und Crust, die an einigen Stellen bis an die Grenzen zum Screamo und Melodic Hardcore ausgedehnt wurde. Ihre zweite EP "No" knüpft in diesem Sinne nahtlos am Vorgänger an und türmt sich mit einem einheitlich ineinander fließenden Sound gegen dieses überflüssige Genreausklamüsern auf. Dabei sticht vor allem die Präzision der Band hervor, die in den sieben Songs sowohl markante Riffs als auch tolle Gitarrenmelodien verbauen und keinen von ihnen über die Zwei-Minuten-Grenze hinweg trägt. Ein zielstrebiger und äußerst routinierter Sound, der sicherlich auch ein Stück weit auf die Rundreise der drei Musiker_innen durch den heimischen Untergrund mit Zwischenstopps beim Henry Fonda/Afterlife Kids/Ancst-Kollektiv und Bands wie morla. oder Flyktpunkt zurückzuführen ist. Easy Lover ist dennoch kein unnötiger Aufguss, da sich das Trio hier in etwas Neuem ausprobieren will und daher in die Kategorie >Gesucht und gefunden< gehört.


DL "No" EP Here



Kotzen

Bandpage\\//Bandcamp
SvN: "Latrine... was für ein ungewöhnlicher Name!"
L: "Wir haben im 2. Jahrhundert eine Namensänderung vorgenommen!"
SvN: "Du meinst.. ihr habt ihn geändert... in Latrine?"
L: "Ja... früher war's Scheißhaus!"

Na, kennt das noch jemand? Egal. Kotzen hießen früher mal Lütten und veröffentlichten als Duo die EP "DELETE | ELITE", die 2005 als einseitig bespielte 12inch inklusive "Festung Europa aufbrechen"-Poster über Twisted Chords erschien. Während die bereits damals angeklagten Miszstände die selben geblieben sind, hat sich bandintern so einiges geändert. Mittlerweile hat sich die Mannstärke verdoppelt, was maßgeblich zur Live-Tauglichkeit der Band beigetragen hat. Das Quartett beschränkt seine Internetpräsenz zwar weiterhin auf das Nötigste, veröffentlicht seine musikalischen Werke unter dem neuen Namen allerdings ausschließlich digital und zum kostenlosen Download (Blog & Bandcamp). Wisst ihr also schonmal, woran ihr seid. Am mathigen, break-lastigen und trotzdem melodiösen Hardcore-Deutsch-Punk hat sich dagegen wenig geändert, weshalb die fünf Lütten-Songs auch immer wieder im Live-Set von Kotzen auftauchen. Die Texte sind intelligent wie direkt, ganz die Hamburger Schule halt (hier mischen u. A. Mitglieder von Der Trick ist zu atmen, Kurhaus, EGOZID, Honigbomber und Solemn League mit), und klingen trotzdem mehr nach wütendem Widerstand, als nach rebellischer Studentenbewegung. Was sich die Quasi-Debüt-EP "Endlich der sichere Sand" aber noch an Eingängigkeit gönnt, wird auf der folgenden "Werte-Propaganda-Dekonstruktion" vom Freigeist zerpflückt. So ist das eröffnende "Interlude" ein seicht untermaltes Spoken-Word-Intro, vorgetragen von Graue Zellen-Sänger und AGfJ-Autor (u. A. "Nazis Nerven!") Jan Jetter, während sich das 5-Sekunden-Epos "Sicher, das stimmt ja alles und ich finde das bewundernswert, aber ich könnte das nicht aka Memo an mich selbst" als gemeinsamer Rudelbums mit ihren Hamburger Kollegen von Notgemeinschaft Peter Pan entpuppt. Dazwischen wartet das dynamische, wenngleich nervös zwischen den Melodien umherspringende "Die Schlüssel stecken von innen / Das Private ist politisch".


Buy DELETE | ELITE 12" Here & Here


Meister Splinter

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Warte mal ... Meister Splinter, Sewer Punk - ich glaube, ich hab's gerafft. Vorhang auf für die Vertriebenen, Opfer der "Stadtflucht" und nunmehr Könige der Hamburger Kanalisation. Ich muss zugeben, dass mir schon wesentlich räudigere Deutschpunk-Vertreter vor die Augen und Lauscher gekommen sind, was vor allem daran liegen könnte, dass das nordische Quartett ihren Gossensoundtrack nicht nur mit der Härte und Eingängigkeit des Street- und Oi!-Punks in die Melodiespur peitscht. Klar, der hier gewählte Ton ist rauh, düster und direkt, schließlich gibt es nichts schönzureden, wenn es um Themen wie Verdrängung, kapitalisierte Gesellschaften, braunes Gedankengut, maschinelle Lebensabläufe und geplatzte Träume geht. Dennoch lebt Meister Splinter's Debüt-Album von einem insgesamt satten Alternativesound mit klaren Gitarren- und hämmernden Basslinien, fetten Riffs und einem wuchtigen Schlagzeug. Die zwölf Songs reiten allesamt auf eingängigen Melodien und sind mit abwechselnden Vocals und Chören hervorragend dafür geeignet, die unzufriedene und aufgeheizte Gesamtstimmung weiter hochzupushen. Natürlich muss dabei nicht jeder Song auch im Ohr hängen bleiben. Zwischendurch tauchen aber immer wieder Nummern wie "Leblos in einem Fluss" oder "Geteiltes Leid" auf, die sich durchaus auch als Lückenfüller auf einem früheren Toten Hosen-Album wiederfinden könnten. Ist nicht böse gemeint, denn vor allem im Bezug auf mittlerweile medial aufgestiegene Punkgrößen, finde ich zumeist die Songs interessanter, die sich im Schatten der im Radio totgenudelten Chartbreaker bewegen.


Buy Tape via PM on Facebook or Mail to: meistersplinterhh@gmx.de


Cholera Tarantula

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Auch Cholera Tarantula suhlen sich im dreckigen Deutschpunk, wenngleich etwas asseliger als oben erwähnte Meister Splinter, allerdings auch etwas spontan willkürlicher. Ihr 2013er Debüt-Album "Vergiftet", das im selben Jahr in Eigenvertrieb als Demo-CD erschien und jüngst von Uga Uga als Tape neu aufgelegt wurde, startet recht unprätentiös. Den meisten der zwölf Album-Songs reichen drei Akkorde vollkommen aus, um ihren Weg ins Innere des Anarcho-Herzes zu finden. Direkt, ehrlich, gute alte 80er-Hardcore-Punk-Schule eben, die sich nicht stur an einem manifestierten Lehrplan entlanghangeln muss. Da die musikalische Infrastruktur im niedersächsischen Kreisstädtchen Vechta noch recht überschaubar und die Möglichkeiten dort aufzutreten stark begrenzt sind, könnte mensch auch fast meinen, dass hier ein paar altgediente Störenfriede aus der Versenkung gekrochen sind, die die letzten 30 Jahre (Musik-Geschichte) schlichtweg verpennt haben. "Militarismus", "Stop Eating Animals", "Spiesser" und natürlich der Überhit "Bullenterror" - die Songtitel und Texte klingen dermaßen anarchistisch und Freischnauze voraus, als ob diese Miszstände gerade erst aufgetreten sind. Bis mittendrin plötzlich eine Zeile wie "SARAZIN ERKLÄRT DIE WELT, FASCHIST IM DEMOKRATENFELL" (aus "Feindbild") zum Vorschein kommt und mensch umso erstaunter ist, dass sich hinter Cholera Tarantula vier junge Burschen verbergen, die sich 2011 zusammengerauft und scheinbar "bloß" an den richtigen Vorbildern orientiert haben. Da fällt mir ein: Urinprobe kommen doch auch aus Vechta und klingen herrlich kakophonisch-asselig. Zufall oder ist Vechta gar die geheime Zentrale des autonomen Widerstandes?

DL "Vergiftet" Here & Here

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Til Schweiger Must Die & Die Sky Du Monts

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Tja, da hat er das Mundwerk wieder einmal etwas zu weit aufgerissen, als er über seine Til Schweiger Foundation verkünden ließ, ein "Vorzeige-Flüchtlingsheim" errichten zu wollen. Nicht nur zuletzt deshalb, ist der nuschelnde Schauspieler und Bundeswehrsympathisant Til Schweiger bei der linken Szene in Verruf geraten. Die Folge: weiß-befleckte Villa-Hauswände und ein brennendes Auto. Der musikalische Sektor reagierte indes auf seiner Weise. Zu dem Kölner Singer/Songwriter Schwill Tiger gesellte sich im letzten Jahr das Freiburger Quintett Til Schweiger Must Die & Die Sky Du Monts, das mit dem Demo "Verkackt bis in alle Ewigkeit" nun ein erstes Ausrufezeichen setzt. Darauf zu hören gibt's 80er-(Hardcore-)Punk, rauh, direkt und mit einer angepissten Frontfrau, die ab und an gesangliche Rückendeckung von ihren Kollegen bekommt. Aber nicht nur der Schauspieler ist Adressat ihrer Hassitüden. Songtitel wie "Bulle" oder "Arbeit" sprechen da sicherlich für sich und zeigen, dass TSMD&DSDM keinesfalls zum Scherzen aufgelegt sind, auch, wenn die acht Songs durch teils erdrückend-monotone als auch frivol-umherspringende Synthies aufgepeppt werden und die Band somit in die schwammige Mitte zwischen weniger freakige Ursus und mehr No-Wave-lastigere Cold Kids katapultiert.

Stream & Buy Digitally "Verkackt bis in alle Ewigkeit Demo"

DL Rehearsal Room Recordings


Arbeitstitel: Bullenblut

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Arbeitstitel: Bullenblut, kurz ATBB, melden sich zwei Jahre nach "Volxliter" mit ihrem "viel zu poppigen zweiten Album" zurück. Ein Titel, der in Anbetracht des hymnischen Vorgängers nicht all zu sehr überrascht und bereits im munter eröffnenden Liedermacher-"Intro" Wort hält. Keine Frage, das Freiburger Schlagzeug-Bass-Duo hat ein glückliches Händchen für tolle Melodien, die vor allem aber wegen ihrer stilistischen Willkür im Kopf hängen bleiben. So folgen mit "Opening Track" und "B" zwei oldschoolige Nummern zwischen chorverliebten Melodic-, Hardcore- und Deutschpunk, während sich "Dichotomie des Quadratmeterpreises" und "Bengalos" im Zeckenrap wiederfinden und der Closer "Outro" in Electrospielereien versinkt. Spätestens beim Pop-Punk-Track "Sing Along Sucks" angekommen, müsste eigentlich jede/r gemerkt haben, dass einem ATBB mindestens mit einem Augenzwinkern entgegnen. Das andere richtet seinen Blick wie schon zuvor auf aktuelle Probleme, vor allem aber ungewohnt scharf auf widersprüchliche Tendenzen und einkehrendes Hipstertum in der eigenen Szene, womit sie dem einen oder anderen "Punk" sicherlich auf die Füße treten werden. Punk muss manchmal eben auch wehtun.

DL Das viel zu poppige zweite Album

DL & Buy via Black Rose Records

ATBB Shop


Miese Mutanten

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Auf ihren Shows weiß man nie so recht, ob sie dreiarmig oder mit Echsenbeinen die Bühne betreten oder Backstage einfach bloß grünen Schleim ausschenken. Miese Mutanten haben erkannt, dass es neben der Musik auch noch andere Sachen gibt, womit sie ihre unheimliche Fanschar bei Laune halten können. Dennoch sind es vor allem ihre Songs, die sich unberechenbar so ziemlich jeder Klassifizierung entziehen. Das ist weder der von der Band angepriesene Disco-Punk, noch Punkrock im klassischem Sinne, als vielmehr eine Art schizophrener und labiler Indie-Chanson-Punk, wie er gerade im österreichischem Wien die Runde macht (siehe Kartenhauskörper oder Das Trojanische Pferd) oder auch des Öfteren in den Plattenkisten von HANSEPLATTE zu finden ist. Sänger Svenson Sørensen weiß dabei sein gesegnetes Organ über die volle Bandbreite auszureizen, indem er sich mal in schmachtenden Popmomenten verliert ("Mansich depressiv!") oder auch mal einen rauheren Ton anschlägt ("Gutemine, böses Spiel"), bis auf dem abschließenden Freak-Out in "Mies" aber stets in der Melodie bleibt. Die darf aber nicht nur eingängig, sondern gerne auch mal etwas mathig-vertrackt sein, wobei ihm seine drei Regensburger Hinterleute eine Steilvorlage nach der anderen servieren.



Überyou

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Nachdem bei uns zuletzt vor allem freigeistliche Vertreter aus der Schweiz zur Ansprache kamen, wird es mit Überyou nun wieder etwas geradliniger. Das Züricher Quintett lädt mit seinem straighten Punkrock geradezu zum Namedropping ein. So dürften Melodie-verliebte Skaterpunks um Gruppen wie Gnarwolves oder Iron Chic genauso auf ihre Kosten kommen, wie Verehrer des Whiskey-getränkten und rauhen Emo-Punks von Hot Water Music, Say Anything und Jupiter ... ääh ...nee, lassen wir das mal lieber. Eingängige und druckvolle Hymnen, die selten die Komfortzone des Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain-Konzepts verlassen und reichlich Stadionluft atmen, womit die Band auf ihrer vergangenen Amerika-Tour immerhin schon im Vorprogramm von Größen wie Alkaline Trio, Dropkick Murphys und NoFX landete. Zurecht!

DL Frontiers EP Here & Here
DL Üntergang LP
DL Split-EP w/ Nunca Inverno -> A-Seite & B-Seite
DL Revolütion LP
DL Süpremacy EP

Buy Here, Here, Here & Here



In der Kürze liegt die Würze



DASVOID

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Zwei Dudes aus Wiesbaden spielen hymnischen wie schrammeligen Indie-Noise-Post-Punk mit kratzigem Alternative-Gesang. Klingt nicht nur in der Theorie recht interessant und nach einer lohnenswerten Alternative für Fans von Death From Above 1979 oder Cloud Nothings. Mit letzterer teilten sich DASVOID 2014 sogar die Bühne. Anfang letzten Jahres veröffentlichte das Duo seine selbstbetitelte Debüt-EP auf Bandcamp, seitdem verliefen ihre Spuren im Netz immer mehr im Sande. Auflösung? Pause? Neue Projekte? So viele Fragen und keine Antworten. Dabei wecken ihre vier EP-Songs eigentlich das Verlangen nach mehr.... Schade.



BATTRA//

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Im Punk ist erlaubt, was Spaß macht. Und wenn sich die beiden Pennerviolencer von BATTRA// eben im solidarischen (Halle rollt!) Ambient-Noise-Drone ausprobieren wollen, dann können sie das gefälligst auch tun. Hat ja bei Ancst auch niemanden gestört.

DL 気暴力 EP

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Samstag, September 17

Kartenhauskörper - Wie konnten die Tage nur so sehr an Wert verlieren



Band: Kartenhauskörper

Titel/Release: Wie konnten die Tage nur so sehr an Wert verlieren/Album (Digital)

Label: OMAHA Records

Erscheinungsjahr: 2014

Genre: Akustischer Indie, Indie-Pop, Folk, Indie-Noise, Jazz, Chanson

FFO: Die ignorierte Art, Der Bürgermeister der Nacht, Das trojanische Pferd

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Soundcloud\\//Youtube\\//Last.fm



Kurzinfo:

"Wie konnten die Tage nur so sehr an Wert verlieren" - eine Frage, die mensch sicherlich auch auf die moderne Pop-Musik anwenden kann. Vielleicht ist ja Kartenhauskörper's Debüt-Album auch als Antithese auf die gegenwärtigen Umstände zu verstehen, in der Schönheit in jeglicher Hinsicht nunmal nicht Alles bedeuten muss. In diesem Sinne hat sich in den letzten Jahren im österreichischen Wien eine kulturell-freigeistliche, musikalische Szene gebildet, deren Anhänger bereits im Namen widerspenstig klingen und von Labels wie Schoenwetter und Problembär Records aufgefangen wurden.
Das Debüt des Wiener Duos Kartenhauskörper kann mensch mit seinem Namen aber tatsächlich so stehen lassen. "Wie konnten die Tage nur so sehr an Wert verlieren" kramt in einer verkorksten Beziehungkiste herum und offenbart dabei gegenläufige Interessen und Standpunkte der beiden Entliebten. Keine versteckte Botschaft oder hochtrabende Metapher, ganz schlicht. Eine Thematik, die sich natürlich dem ohrumschmeichelnden und -zuschmalzenden Indie-Pop geradezu anbiedert. Mit dem sentimental-triefenden "Freikopf" und "Schlau beide" finden sich zwei Songs auf dem Album ein, die dieses Klischee auch perfekt zu bedienen wissen. Dennoch beginnt der melancholische Reigen mit einem Song, der nicht nur mit einem Akustikriff startet, das sich auch hervorragend für einen Saufschlagerhit eignen würde, sondern mangt naiv-schmachtender Verse plötzlich eine Zeile wie "Fickt euch ihr miesen Schweine" unterbringt und zum Ende hin mit sämtlichen Gastinstrumenten eine frivole Schrammelorgie feiert. Der Opener "Rumliegen" soll aber kein Ausrutscher bleiben. Es ist vielmehr der Auftakt zu einer musikalischen Achterbahnfahrt durch Indie, Folk und Jazz, die sich fortan immer mehr in konturlosen Chanson und akustischen Singer/Songwriter-Rock auflösen. Doch neben kuriosen Höhepunkten wie dem psychotischem "Afraid of Taking Drugs" und dem kratzigem, free-jazzigem und etwas aus der Haut fahrendem "Du hast gesagt es ist Wahnsinn", bietet das Album mit dem fast schon Fun-Punk-tauglichen "Mein Name ist Dave" und dem poppigen, zwischen Rapbühne und Opernhaus pendelnden "Wo spielen die Kinder" allerdings auch einige eingängige Wohlfühlmomente.
"Wie konnten die Tage nur so sehr an Wert verlieren" hangelt sich an einem simplen Gerüst entlang und zeigt, wie effektiv der monotone, akustische Indie-Pop zerlegt werden kann. Wohlgemerkt von zwei Leuten, die mit Mathias Krispin Bucher (u. A, HALF//HALF), Günter Lenart (u. A. Kelag BIGband und Carinthia Saxophonquartett) und dem Chor der Junggebliebenen natürlich etwas freigeistliche Hilfe aus der regionalen Jazzszene bekamen.

DL Wie konnten die Tage nur so sehr an Wert verlieren


Jahres-Sampler