Donnerstag, Oktober 23

Nostalgiecore

Laura Mars



Anders und etwas cleverer als ihre Kollegen Kill.Kim.Novak, die aufgrund eines Rechtsstreits mit der ehemaligen US-Schauspielerin und mittlerweile zum plastischen Chirurgieopfer mutierten Kim Novak ihren Namen später in Andorra~Atkins umbenennen mussten, benannte sich die Magdeburger/Berliner Hardcore-Punk-Truppe Laura Mars lieber gleich nach der fiktiven Titelfigur des 1978 erschienenen Psychothrillers "Eyes of Laura Mars", und konnte somit derartige Probleme umgehen. Dennoch existierte die 2006 gegründete Band gerade mal etwas mehr als drei Jahre, in denen sie zwei Demo-CDr's in Eigenregie und die 12inch "Vultures" über das von einigen Bandmitgliedern mitbegründete Label Superfluous Records, veröffentlichten. Angesichts der vielen Vorprojekte wie Fall of a Season (später A Friend's History), Don Quichote, The Jukebox Scenario oder Upset und der Einstieg zweier Mitglieder in der noch immer aktiven Hardcore-Trash-Punk-Knüppeltruppe Rebarker nach dem Bandsplit, könnten Laura Mars somit wohl eher als kurzweiligen Zwischenstop entlarven. Egal, denn als äußerst kurzweilig konnte man auch ihre musikalische, düster-nihilistische Mischung aus Hardcore, Punk, Math und Screamo bezeichnen, mit angepisster und rotziger 90er-Jahre-Attitüde und somit stilistisch irgendwo zwischen Botch und Comadre.
Auf Bandcamp hinterließ die Band der Hörerschaft ihr "...Three Song Demo" als Free- und die "Vultures"-EP als Spendendownload. Letztere kann dort auch als blaue B-Seiten besiebdruckte 12" (die rote Variante ist bereits ausverkauft) geordert werden. Bestellt man sie zusammen mit Rebarker's kürzlich erschienener, selbstbetitelter LP (nur noch als einfarbig besiebdrucktes Vinyl erhältlich), kann man sogar Versandkosten sparen. Deal or no Deal?

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Kannibal Krach

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Um sich am Duo, Trio, manchmal auch Quartett, Kannibal Krach nicht die Zähne auszubeißen, verlangt es schon einiges an Ironieverständnis. Klar, was die Band aus Wermelskirchen hier musikalisch, als auch auf ihren medialen Präsenzen abzieht, entspringt nunmal der naturgegebenen Freiheit des Punks. Bei den Shitlers - eine stabile Band, die ihren Weg geht - verhält es sich ähnlich, nur dass diese vergleichsweise recht ernste Songs schreiben. Blickt man hinter die zynischen, ironischen, sarkastischen, lakonischen, humorvollen oder einfach bloß adoleszent verspielten Songtextfassaden von Kannibal Krach, entdeckt man auch hier einen grundlegenden ernsten Unterton. Als ob das aber nicht schon verwirrend genug wäre, verwurschtelt die Band ihre Texte auch gleich noch in einen bunten Stilmix aus Hardcore- und Melodic-Punk, Grind, Trash und Metal. Musikalische Anarchie halt, die trotz alledem erschreckend viele groovige Momente offenbart. Zuweilen wünscht man sich sogar, dass die Band wenigsten für einige Songs in eine gewöhnliche Struktur verfällt. Das Ganze kann dann weit entfernt am "Nothingcore" von A.O.K., nur mit etwas mehr Willkür, oder am nintendo-armen Crossover-Mix von Antitainment erinnern.
Mit "Hardcore war gestern" (2010, 500 CDs mit jeweils 23 Songs in gut 40 Minuten) und "Das Ende der Spassgesellschaft" (2011, 70 Digipak-CDs mit 16 Songs in knapp 20 Minuten) kann die Band bislang auf zwei Alben zurückgreifen. Letzteres gibt's über Bandcamp als Free Download.

P.S.: Den Spaßanteil seiner Band, transferiert Gitarrist und Sänger Frustus auch in sein cineastisches Nebenprojekt Spoilergeist, der Nr.1 Filme-, Spiele-, Bücher- und Musik-Source.


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 Golden Gorilla

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Ein Blick zurück in die 90er: Stack, Dead Beat, Fear is the Path to the Dark Side, Universal a.k.a. the Mental Toilet, Luzifers Mob, Diavolo Rosso, um nur einige von vielen Undergroundgrößen zu nennen, mit denen sich die beteiligten Musiker von Golden Gorilla damals die Zeit vertrieben. Als sich diese 2001 gründeten und nach einigen Besetzungswechsel drei Jahre später mit ihrem Demo debütierten, fiel diese wohl kaum noch unter dem Welpenschutz. Floskeln wie "Jeder hat mal klein angefangen", konnte man sich an dieser Stelle also getrost sparen. Machte man ja auch, denn mit den ersten fünf Songs legte die Band einen beachtlich soliden Grundstein für die nächsten sechs Jahre, in denen sich Golden Gorilla durch morastigen Sludge und düster-doomenden Metal kämpften. Es folgten der erste und einzige, selbstbetitelte Longplayer im Jahr 2007, auf dem sich auch alle fünf Demosongs in überarbeiteten Versionen wiederfanden, und eine Split mit Crowskin 2009, die auf Vinyl über die kleinen DIY-Labels Prügelprinz und Decoy Industry erschienen.
Ihre letzte Show spielte die Band im Dezember 2010, ehe sie im Mai diesen Jahres gewissermaßen als Überraschungsgast auf dem Towers of Madness auftraten. Und anscheinend haben sie wieder Blut geleckt. Zwei unveröffentlichte und einen neuen Song spielten Golden Gorilla Ende Juni im Studio von ex-Mitglied und Bastard-King-Bassist Lari Moosedick ein, die die angekündigte Split mit der Karlsruher/Freiburger Sludge-Black-Metal-Band Ghost of Wem ausschmücken sollen. Die LP wird im November über die kooperierenden Labels Per Koro und Meta Matter Records erscheinen. Die Releaseparty lassen beide Bands auf dem Halloween of Doom Vol. 5 Festival steigen.


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Deny Everything

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Als Deny Everything 2006 mit ihrer selbstbetitelten EP (als CD über Rising Riot Records erschienen) debütierten, sahen viele Kritiker im Kölner Quartett bereits einen würdigen Kid-Dynamite-Nachfolger. Old schoolig angerauhter Hardcore mit wütend herausgerotzten Vocals, kurz und knackig, und der sich immer wieder in melodische Punkhymnen entlud. Und auch, wenn mich der Refrain von "The Return of the Durruti Column" eher an ältere Beatsteaks zu "48/49"-Zeiten erinnert,  ist es schon durchaus bemerkenswert, welch ur-amerikanischen Sound Deny Everything generell an den Tag legten, wachsen solche Bands hierzulande schließlich nicht gerade auf den Bäumen. Selbstbewusst, ja fast schon dreist, ging die Band auf Tuchfühlung mit ihren Vorbildern - Lifetime oder Latterman können noch getrost hinzu gezogen werden - , pflegten allerdings von Anfang an einen offenen Umgang mit diesen, wodurch sie vielleicht vielen Kritikern schon vorab den Wind aus den Segeln nahmen. Egal! Soll meckern, wer meckern will. Der Rest freut sich über schnörkellosen Hardcore-Punk, der den Schwerpunkt wohl eher auf den Bindestrich legt.
Ende 2010 wanderte Gitarrist David für zwei Jahre nach Mexiko aus. Gemäß ihrer nicht nur musikalischen Kompromisslosigkeit war damit auch gleichzeitig das Ende der Band besiegelt.
Anlässlich der Yo-Yo Records 15th Anniversary Show im April 2014, kam die Band noch einmal für einen Auftritt zusammen. Eine langfristige Reunion schlossen die Bandmitglieder allerdings aus. Mit Imhoff Youth (Sänger Pablo) und Underparts (Chris & Björn -> PWYW-Download HIER; Stream HIER) verschwinden sie aber immerhin nicht vollkommen von der Bildfläche.

DL Fire This Time LP
DL Things I Like EP
DL Speaking Treason EP
DL S/T EP

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The Notorious Love Affair

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Die vielleicht kürzeste Bandbiografie der Welt: 1995 in Darmstadt gegründet; fünf Songs eingespielt, wovon vier auf der selbstbetitelten 7" über Per Koro veröffentlicht wurden; ein Proberaumkonzert vor einer handvoll privater Gäste gespielt; Auflösung 1996. Was nach einem gescheiterten Projekt klingt, war von den fünf Beteiligten von Anfang an genau so gedacht. Wie es in den 90ern nicht selten der Fall war - denkt man beispielsweise an einermusstot - , entstand auch The Notorious Love Affair aus einer spontanen Idee der befreundeten Musiker heraus. Diese tobten sich vor und nach dem kurzen Bandleben von TNLA im deutschen Untergrund aus, u. A. bei Narsaak, Dead Beat, The Orphaned, Prone, Black Shape of Nexus und oben genannten Golden Gorilla. Als Gitarrist fungierte der US-Amerikaner Andrew Gilbert, der auf der anderen Seite des Großen Teiches bei Floodgate und Fisticuffs Bluff aktiv war und zum damaligen Zeitpunkt eigentlich bloß seine Germanistik-Kenntnisse vertiefen wollte. Das fast schon wortlos wirkende Geschreie von Frontmann Matthias Bauer, bei dem selbst Alteingesessene rat- und regungslos auf der Strecke bleiben, dürfte ihm dabei wohl kaum geholfen haben. Bleibt nur zu hoffen, dass während der probe- und aufnahmefreien Zeit ein anderer Ton herrschte.
Getagt ist das Ganze mit Hardcore, Punk, Emocore und Screamo. Vor allem aber das Zusammenführen der wüsten, sich überschlagenden Vocals mit den düsteren Schrammelgitarren, aus denen sich immer wieder groovende Melodien schälen, erinnert mich mehr an Nachtmystium oder Ancst, wenngleich TNLA so rein gar nichts mit Black Metal am Hut haben.

DL S/T 7"

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I Refuse (CAN)

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Vorweg: Wären I Refuse tatsächlich das gewesen, wozu sie ihre Fürsprecher noch vor einigen Jahren hochgejubelten, hätte sich die kanadische Band im Jahr 2010 wahrscheinlich nicht auflösen müssen. Die Referenzen reichten von Nirvana, über Sonic Youth, bis hin zu Boysetsfire. Ein musikalischer Kontext lässt sich daraus wohl nur schwer herleiten, einzig, dass allesamt zumindest als offizielle Wegbereiter ihrer jeweiligen Stilrichtung galten. Dieses Privileg konnten I Refuse aus Ottawa, Ontario nun wirklich nicht für sich beanspruchen, noch fand ihre Musik Berührungspunkte mit Grunge, Indie und Emo-Post-Hardcore. Zuletzt Genanntes könnte man vielleicht noch wohlwollend in den kantigen Riffs und der allgemein drückenden und glasklaren Produktion unterbringen, die I Refuse's letzten Output "Speaks Fork-Tongued" ins internationale Format pressten. Hier offenbarte sich auch am deutlichsten ihre Affinität zum Crossover/Alternative(-Metal) ehemaliger Rage Against the Machine (nicht noch eine hochkarätige Referenz!), allerdings weniger verspielt und für die Gegenwart gründlich entstaubt. Im Einklang mit den treibenden Melodien und dem cleanen Gesang, der mehr nach Stadion, denn Barracke klingt, schwingt somit ein kritischer Unterton mit, den sich die Band Wohl oder Übel gefallen lassen muss(te). Dass I Refuse im Herzen eine engagierte Punkband war, die sich zu jeder ihr bietenden Möglichkeit - insbesondere in ihren politischen Songs - auf Miszstände aufmerksam machte, ist ihren Songs somit nicht gleich anzuhören. Aber vielleicht ist das ja das neue DIY-Format? Vielleicht werden ja auch Bands wie Linkin Park eines Tages ihre Konzerte nach dem PWYW-Prinzip veranstalten und ihre Releases kostenlos über Bandcamp anbieten ... wie es bei I Refuse der Fall war.

DL Speaks Fork-Tongued 12"
DL The Fire Sermon 7"
DL S/T EP
DL Split w/ Unrestrained (IR-Hälfte)

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