Sonntag, November 18

Der Bandcamp-Hardcore Vol. 41

Phantoms - Departed



Die Bremer Band Phantoms ist sicherlich keine Neuentdeckung, wuselt das Sextett um Mitglieder ehemaliger Jet Black, The Town Of Machine, Mallorys Last Dance, The Unknown Stuntman (ehemals Caveman) und weltraumraketenabschussbasis immerhin schon sieben Jahre durch den deutschen Hardcore-Punk-Untergrund. Da die Band aber gerade an neuen Songs tüftelt, könnte ein Blick auf ihr 2015 erschienenes Debüt-MiniAlbum "Departed" zumindest ein guter Einstieg und somit eine lohnende Wiederentdeckung sein - vor allem für diejenigen, die wehmütig noch weiter in die musikalische Vergangenheit zurückblicken. Zwischen Post-Hard- und Emocore, der sich für einige theatralische Momente nicht zu schade ist, sind es auch die eingestreuten, mathigen Twinkle-Gitarren wie in "Love Conditional" oder "Modulok", die Fans des Milleniumcores durchaus Freude bereiten könnten. Und auch, wenn "Departed" insgesamt recht professionel produziert klingt, schwingt den Songs ein wohliger und unbekümmerter Underground-Flair mit, der mich an - wenngleich Genre-mäßig nur bedingt vergleichbaren - Combos wie Paraquat, Cannon For Cordoba oder Ashes Of Pompeii denken lässt.
Die selbst-veröffentlichte CD im 3-Panel-Digipak kann noch immer über die Band selbst bestellt werden.



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...And Its Name Was Epyon - S/T EP

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Bandname, Artwork und eigene Stilbezeichnung ("Mechacore") nehmen es bereits vorweg - hier gehen eingefleischte Anime-Freaks zu Werke. Der Rocki wüsste wahrscheinlich mal wieder genauestens bescheid und würde als Einleitung gar ganze Bände zum Gundam-Franchise verfassen. Mir jedenfalls gehen die drei Debüt-Songs der Band ...And Its Name Was Epyon auch ohne diese Vorkenntnisse ganz gut rein, auch wenn sich die Samples am Anfang und Ende des Openers so sicherlich mit anderen Ohren hören lassen. 
Auf  "...and its name was Epyon" spielen die drei Musiker_innen aus Kalifornien einen ausgeklügelten Mix aus Screamo, Skramz und Post-Hardcore, der inhaltlich eine Menge emotionalen wie gewissermaßen gesellschaftskritischen Zündstoff bietet und somit sicherlich auch seine Daseinsberechtigung im Punk begründet. Ein Blick hinter die Kulissen offenbart, dass die drei Amis bereits einen enormen musikalischen Background vorweisen können - Feed Me The Forest, She Dreamt; She Was The Sea, Anamanaguchi, I Would Run That Stoplight For You und Without - , was auch die Solidität und produktionstechnische Raffinesse ihres Releases erklären dürfte. Mit letztgenannter Band, teilten sich ...And Its Name Was Epyon auch ihr erstes physikalisches Release. Das Split-Tape, das über Learning To Be Loved erschien und bereits restlos vergriffen ist, beinhaltet alle drei EP-Songs der Band.

DL "S/T" EP



Moss Rose

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Moss Rose ist eines der jüngeren Projekte vom umtriebigen Engländer Shaun Harrison-Hancock. Und da er sich, wie so oft, nur so richtig wohl in trauter Zweisamkeit fühlt, steht ihm erneut die Art-Designerin Yasmin Ensor zur Seite, die er bereits aus dem gemeinsamen Projekt Kodos und natürlich dem gemeinschaftlich betriebenen Label Adorno Records kennt. Nicht verwunderlich also, dass sich die drei bislang erschienenen Moss Rose-Veröffentlichungen nahtlos im Backkatalog des Labels zwischen Harrison-Hancocks zahlreichen anderen Bands wie Thisismenotthinkingofyou, Allé, YURI, La Nausée und DEORC WEG, wiederfinden.
Trotz minimalistischer Instrumentierung, gelingt es den beiden einen atmosphärisch-erdrückenden Sound zu kreieren, der seine Konturen irgendwo zwischen Blackened Screamo, Post-Rock und -Hardcore erahnen lässt. Melancholisch-anmutende Gitarren-Linien und die rudimentären Drums werden durch zerfahrene Schrammelorgien und aus der Ferne klagendem Wehgeschrei regelrecht weggepustet. Sehr episch, düster, beklemmend - und in dieser Art auch irgendwie genial.

DL "Moss Rose EP" Here & Here
DL "Council Of Rats"
DL Split w/ Caton & Orphelie, Duct Hearts & Child Meadow

Buy "4-Way-Split" Here & Here



The Cheeseburgerpicnic - Iodine

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Adorno Records zum Zweiten: Mensch könnte leicht in die Annahme verfallen, kennt man eine Technical Math-Grind-Band - oder wie es neu-hipstertümlich heißt, Sassgrind-Band - , kennt man alle. Auch das 2017 gegründete Projekt The Cheeseburgerpicnic, das mit drei EP's bereits einen ordentlichen Arbeitsnachweis abliefern kann, weist starke Parallelen zu Szene-Bands wie Asthma Atttaq oder SeeYouSpaceCowboy... auf. Der Clou allerdings ist, dass sich dahinter lediglich eine Frau verbirgt, die hier oben benannten Stil auf technisch höchstem Band-Niveau zelebriert. Einfach nur der pure Wahnsinn, wie sich messerscharf schneidende Gitarren, hyperventilierende Schlagattacken und wechselndes Geschreie und Gegrowle in einem kathartischen Grind-Gewitter entladen.
Live wohl eher unpraktisch, aber vielleicht findet die nicht gerade schüchterne Maya Chun in Ann Arbor noch ein paar gleichgesinnte Mitstreiter, die das Ganze bühnentauglich gestalten. 
Für einen Überblick ihrer bisherigen Solo- und Bandprojekte (u. A. Bonzo, Youth Novel, Monster Bad, Goodthink), lohnt sich ein Besuch auf ihrer Bandcamp-Seite "Music Is Really Dumb".

DL "Iodine" Here & Here



Knights Of Ganymede - Knights Of Ganymede


Adorno Records zum Dritten und Letzten: um genauer zu sein, eine Kollaboration zwischen den beiden Labels Adorno Records und Middle-Man Records und deren Köpfe Shaun Harrison-Hancock und Shawn Michael Decker (u. A. bei Coma Regalia, Plague Walker). 
Mit Knights Of Ganymede geben die beiden einen zeitlosen wie nostalgischen Schubser gen 90er-Midwest-Emo(core), der in seiner zwanglos-unbekümmerten Art nicht selten an Cap' Jazz, Piebald oder die Anfangsjahre von Cursive erinnert. Ihr Debüt zählt zehn Songs, die mit vielen wechselnden Riffs und Twinkle-Gitarren-Melodien immer wieder aus einem allzu starren Korsett ausbrechen. Alles kann, nicht's muss. Und dennoch bleiben die Songs vor allem wegen des emotional-geschrieenem, mehrstimmigen Gesangs und der frenetischen Chöre in einem überschaubaren Rahmen und wissen mitzureißen. Gefühlsmäßig eher aufwühlend, als die Tränendrüsen quetschend, wenngleich die amerikanisch-englische Band ein gutes Gespür dafür hat, das Tempo auch mal zu drosseln.

DL & Buy "Knights Of Ganymede" Here & Here

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(ache/emelie) - (ache/emelie) EP

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Um den kleinen Rundgang durch beide Labels zum Abschluss zu bringen, hier noch mal ein kurzer Blick in den Backkatalog von Middle-Man Records:
Wenn es nach mir ginge, könnten Streichinstrumente ruhig zum Hauptbestandteil des Screamos/Emos werden. Mononoke, Recreant, I Would Set Myself On Fire For You - die Liste an tollen Genre-Vertretern wird umso länger, je tiefer man in den musikalischen Untergrund abtaucht. (ache/emelie) - oder auch ache:emelie - waren irgendwie und in wechselnder Besetzung um die Jahre 2004/2005 aktiv und veröffentlichten neben der selbstbetitelten Debüt-EP noch eine weitere namens "Because That For Which I Exist" (7" war geplant, von denen allerdings nur die Test Presses das Presswerk verließen). Natürlich mischte auch hier wieder Label-Chef Shawn mit, der bekannte Label-Gesichter aus Coma Regalia, kaki.o.badi., John Q Public, Charlie McArthur von The Golden Rules und Bears, und, wie später auch bei Hex Lariat, seine Frau Lauren Decker, um sich versammelte.
Ihr Mix aus wilden Screamo-Attacken und mitreißenden Emo-Melodien, gepaart mit melancholischen Violinen- und Keyboard-Passagen, hätte sicherlich noch das eine oder andere Release und eine größere Aufmerksamkeit verdient gehabt.
Die CD-r zur S/T-EP ist bereits vergriffen, der Download seit je kostenlos.

DL "(ache/emelie)" EP



Soccermoms - Live Recordings #1

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Fußball, Mütter, Grind und Stoner - klar, dass passt wie Arsch auf Eimer. Haben sich auch die zwei Kerle und Frontfrau von Soccermoms gedacht und dieses Konzept in die musikalsiche Praxis umgesetzt. Zumindest ohne die ersten beiden Attribute, vermute ich mal, denn aufgrund der ziemlich roughen Vocals-Aufnahme lassen sich die dargebotenen Texte vorerst nur anhand der Song-Titel erahnen. Die sieben Songs ihrer ersten Live-Aufnahme könnten demnach um Themengebiete wie Sexpraktiken, Mini-Jobs, Faulenzertum, Gras, Riesensterne, kriegerische Elfen und moralisch-umstrittene Luftwaffen-Kommandeure kreisen. Wahrscheinlich sind aber auch angriffslustige Tiere und konservative Wut- und Spießbürger Ziele ihrer galligen Attacken. Würde nämlich gut zum anarchischen Charme der Leipziger Band passen. So stehen vor allem das klangvoll-umherwirbelnde Schlagwerk und die molligen Baszschläge im Rampenlicht des Debüts.
Die ersten 50 Tapes ihrer "Live Recordings" haben sie bereits an die Hörerschaft gebracht, was also heißen könnte, dass hier etwas Großes heranwächst. Wer die Tape-Edition ihres angekündigten zweiten Releases nicht verpassen will, kann sich mit "Witch Hunt" schonmal einen ersten Eindruck verschaffen und gespannt auf die nächsten Band-News warten.

DL "Live Recordings"



Götterfunken - Götterfunken


Ausgerechnet nach der Veröffentlichung ihres grandiosen Albums "Tear Room", entschieden sich die vier Emocoreler von Pride and Ego Down Ende 2015 ihr gemeinsames Bandprojekt zu beenden, obwohl kurz vorher noch die Hoffnungen auf eine neue EP geschürt wurden. Vielleicht fanden diese unveröffentlichten Songs ja ihre musikalische Vollendung in Sänger Niklas' folgenden Solo-Projekt Skinrise (ursprünglich You ≠ Me), die er auch später im Set seiner PAED-Solo-Akustiktour aufnahm.
Mit Götterfunken, das zumindest auf den ersten Blick nichts mit Beethoven oder Schiller zu tun hat, hatte sich auch Lukas Wever nach einer halb-jährigen Umzugspause nach London wieder zu Wort gemeldet. Für sein Emo-Post-Punk-Screamo-Projekt, das im Gegensatz zu dem von  Niklas' recht kühl und minimalistisch wirkt und zwischen Band-Vibe und tristen Abgesang pendelt, knüpfte der ex-Kölner gleich prominente Kontakte zu Jack Daley (Fat Tank Studios) und Silver Snakes-Sänger Alex Estrada (The Earth Capital), die der gleichnamigen Debüt-EP eine standesgemäße Aufnahme und Kontur verpassten.
Auf Lukas' Soundcloud-Seite gibt's die Songs, nebst zwei Non-EP-Tracks, als Rough-Mixes zu hören.

DL "Götterfunken"


Freitag, November 16

Bria Tharen - Axolotl



Kurzinfo:

Ein Star Wars-Fan mit Faible für Schwanzlurche? Mitnichten, denn schon früh wird klar, dass Bria Tharen ein sehr ernstes, tief-emotionales und vielleicht sogar notwendiges Band-Projekt ist. 
Mit Torpedo Holiday gewährte er erste Einblicke in seine Gedankenwelt, in Moro brachte er unangenehme Themen zur Sprache und mit Kaywinnet fing er erstmalig an, sich mental zu entblößen. Bria Tharen ist die logische Konsequenz seiner chaotischen und einengenden Gefühle, ein Zugeständnis und Ventil zugleich. Keine Katharsis, aber eine Offenlegung, in der die titelgebende Rebellin eben nicht nur die triviale Statistin in einem epochalen Weltraumspetakel ist, sondern eine emotional-erstarrte Seele, die ihren Mitmenschen mehr Schein als Sein vorlebte; der Axolotl keine ulkig aussehende Amphibie, sondern ein geheimnisvolles Individuum, das bis zum Lebensende in seinem jungen Körper gefangen ist.
Torsten kämpft offen mit seinen Gefühlen, muss diese schier aussichtslose Schlacht aber nicht alleine bestreiten. Für seine Liedtexte und sein musikalisches Konzept erhält er vielerseits Hilfe von befreundeten Musikern, Grafikern und Tontechnikern, wie Anaïs (thefish.and.thepearl, ALLE), Fabian (Sunsetter Recording Studio), Benny (Druckwelle, Interceptor Editions), Haukel Henkel (Songwriting 1. Song) oder FARCE (Songwriting 2. Song), weshalb Bria Tharen auch mehr als kollaboratives Projekt anzusehen ist. Der Sound hingegen ist recht minimalistisch gehalten. Schlängelt sich der Opener "Die Treppe von Flakturm IV" noch bedächtig durch mehrere Etappen und transportiert mit den programmierten Drums etwas mehr Vielfalt, kommt der zweite Song "Heute Abend klingt besser als irgendwann" fast ausschließlich mit e-orgelnden Tönen und Torsten's Schrei-Sprech-Sang aus, was die ohnehin schon düstere Thematik wie ein Abgesang ausklingen lässt.


Band: Bria Tharen

Titel/Release:Axolotl/EP (Digital; Tapes in Planung)

Label: DIY/Bandcamp, Interceptor Editions (Tapes)

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Singer/Songwriter-Emo, Screamo, Sadcore

FFO: Skinrise, Angel's Eyes, The Scarabeusdream

Links: Facebook\\//Instagram






DL "Axolotl"

Mittwoch, November 14

Pigeon - Bug



Kurzinfo:

Die Veröffentlichung ihres ersten Longplayers liegt noch nicht einmal ein halbes Jahr zurück, da meldet sich das umtriebige Quartett Pigeon auch schon wieder mit einer neuen EP an. "Bug" enthält fünf Songs, die nahtlos mit dem zuletzt kühler gewordenen Sound der Band verschmelzen. 
"Concern" balanciert gleich zu Beginn auf einem unangenehm stechenden Nagelbrett. Die schneidenden Gitarren, der tief-kratzende Bass, die harten Schläge der Drumsticks und der wie in einer großen, leerstehenden Lagerhalle umher irrende Hall-Gesang von Denes Bieberich - alles klingt nach mühselig-schleppender und schweißtreibender Schwerstarbeit. Auch das folgende "Ideal" startet eigentlich mit einem recht zugänglichen Riff und schraubt den Noise-Anteil etwas hoch. Doch trotz einiger höherer Anschläge, schafft es auch dieser Song nicht vollkommen aus seiner grund-düsteren Aura auszubrechen. Erst mit dem instrumentalen Titeltrack treibt die EP allmählich aus der Melancholie und mündet schließlich im fast schon ausgelassenen Closer "Hoisin".
Nach ihrem externen Labelausflug, erscheint "Bug" als Tape über das vom Flennen-Kollektiv supportete Leipziger Klein-Label Tortellini Records.


Band: Pigeon

Titel/Release: Bug/EP (50x Tape; Digital)

Label: Tortellini Records

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Post-Punk, Wave, Noise, Alternative, Industrial

FFO: The Jesus Lizard, Milemarker, No Trend, Sonic Youth

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Blog\\//Flennen




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Montag, November 12

Migal - Migal



Kurzinfo:

Im Norden Deutschlands hat die musizierende Bevölkerung noch immer kräftig Spaß am Splitten und Fusionieren. Eines dieser neueren Freundschaftsprojekte hört auf den Namen Migal, die sich auch gar nicht lange feiern lassen wollen und gleichmal mit ihrem ersten Output daher kommen. Auf dem gleichnamigen Debüt sticht sofort der markante Gesang bzw. das gutturale Geschreie vom ex-Chuck Bass-Sänger Felix ins Ohr. Zusammen mit den dynamischen Melodien ehemaliger Reasonist und den verspielten und spontan rhythmuswechselnden Gitarrenläufen einstiger Torpedo Holiday und Bijou Igitt, haben die vier Jungs aus Hamburg und Kiel schnell eine gemeinsame Basis für die ersten vier Songs gefunden.


Band: Migal

Titel/Release: Migal/EP (Digital; Tapes in Planung)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Screamo, Post-Hardcore

FFO: Masada, The Tidal Sleep, Todlowski

Links: Facebook




DL "Migal"

Freitag, November 9

SHRIMP - SHRIMP EP



Kurzinfo:

Ende 2016 musste die All-Grrrl-Band Ball Torture den Abgang ihrer Gitaristin verkraften, was mit der folgenden Suche nach adäquaten Ersatz schließlich den ersten Kerl in die Band spülte. Da der vorher praktizierte "Schwanzrock" (Quelle: FB/Torture Ball) somit scheinbar mit einem Verlust der Glaubwürdigkeit einhergehen würde, setzte die Aachener Band lieber gleich auf einen Neuanfang - hallo SHRIMP. Mit einem zusätzlichen Keyboarder an Bord, huldigt das angewachsene Quintett nunmehr dem "Überschrimp" oder hat sich der Suche nach einem solchen verschrieben, was weiß ich. Anarchistischer Spaß steht jedenfalls weiterhin ganz weit oben auf dem Programmzettel der Band, der auf der selbstbetitelten Debüt-EP in sechs eingängige Punkrock-Nummern mit viel Rockröhren-Appeal mündet. Und je nach Lust und Laune der Sängerin, rücken die überschaubaren Akkorde dann auch mal gerne an die Ränder zum Garage, Hardcore- und Streetpunk. Alles tanzbar, nicht's muss!
Und weil das nunmal so ist, hat die Band kürzlich den Restbestand ihrer selbstproduzierten, Cover-losen Tapes nochmal schnell ein Artwork zurecht gebastelt - mit einem Bild vom Tape. Klasse!


Band: SHRIMP

Titel/Release: SHRIMP/EP (Tape-Edition without Cover; last Copies w/ Cover; Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2017/2018

Genre: (Hardcore-)Punk, Riot Grrrl, Synthie-Punk

FFO: Ball Torture, Inner Conflict, Til Schweiger Must Die & Die Sky Du Monts

Links: Facebook\\//Bandcamp




DL & Buy "SHRIMP"

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Mittwoch, November 7

Ebisu - Paris/Berlin



Kurzinfo:

Sucht mensch im Netz nach dem Begriff "Ebisu", könnte er/sie auf ein chinesisch wirkendes, sich allerdings als japanisch herausstellendes Restaurant in Frankreich stoßen. Das ist toll, aber irgendwie auch wenig hilfreich. Geht die Suche weiter, stolpert mensch unweigerlich über die shintoistische Gottheit Ebisu, dem Geist der Fischer und des Glücks, womit mensch der hier avisierten Sache schon etwas näher kommt. Der japanischen Mythologie nach, wurde Ebisu als Krüppel geboren (ohne Knochen), weswegen ihn seine Eltern in einem Boot aussetzten. Als er an den Strand einer japanischen Insel angespült wurde, erwachte er zu neuem Leben. Genau dort will das gleichnamige französisch-deutsche Duo musikalisch ansetzen - laut, krachig, imposant, impulsiv. Kein Wunder also, dass Ebisu, The Band, in ihrer experimentellen Vielfalt nicht selten an die japanischen Zeuhl-Götter Ruins erinnert. Und so trudelt der Opener "Le Concert" auch fast schon majestetisch ein und irrt folgend in seinen knapp acht Minuten Spielzeit zwischen trashigen 70er-Jahre-Keyboardsounds und wild umher hüpfenden Avant-Jams.
Ebisu ist ein Nebenprojekt von Jean Jacobi (Guts Pie Earshot, Tecbilek, Subvasion) und Emmanuel Aldeguer (42 The Band, AL°R), den ich seit H.O.Z. schon etwas lieb gewonnen habe, ohne mich jetzt komplett als Groupie entblößen zu wollen. Eben jener leiht dem folgenden El Machetti-Remix des Openers auch seine Stimme, was den Wahnsinn in eine ganz andere Ecke drängt. Den letzten A-Seiten-Song, ein Idiot Saint Crazy-Remix des Openers, will ich an dieser Stelle nur mal höflichkeitshalber erwähnen.
Die B-Seite setzt die wilde Odyssee zunächst über drei Songs verteilt in Berlin fort. Vom Prenzlberg über F-Hain bis nach Lichtenberg, schafft es das Duo trotz minimalistischer Instrumentierung und ohne Gesang, die Hektik und Tücken der Großstadt einzufangen und in eine fast schon Noir-mäßige Verfolgungsjagd durch die 70er ausarten zu lassen. Auch wenn die eingesetzten Stilmittel sicherlich begrenzt sind, gestalten sich die Songs vor allem durch die vielen Rhythmuswechsel als äußerst spannend, die nie im unüberschaubarem Chaos enden. Dass die EP dennoch im noisig-überlagerten "St. Petersburg" ihr knirschendes Finale findet, rundet das Gesamtbild eines, im wahrsten Sinne des Wortes, internationalen Releases ab.

"Paris/Berlin" wurde ursprünglich als Crowdfunding-Projekt über Indiegogo gestartet, das sein Mindestziel allerdings nicht erreichte. Emmanuel Aldeguer finanzierte das 10"-Vinyl-Release daher kurzerhand aus eigener Tasche mit Hilfe von Broken Silence und dem Major Label. Wer eine Scheibe haben möchte, wendet sich somit ungeniert an dem Franzosen.


Band: Ebisu

Titel/Release: Paris/Berlin / EP (Black 10"-Vinyl; Digital)

Label: DIY

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Noise-Rock, Experimental

FFO: Mike Patton, Ruins, Rotor
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         Links:     \_(°_°)_/


Buy via PM on FB to Emmanuel Aldeguer or Mail to: manuhoz@gmail.com





Montag, November 5

Chambers - Depart\\Disappear



Kurzinfo:

Täglich erreichen uns neue schockierende Nachrichten über Hass, Angst, Tod und Elend aus aller Welt, während Patrioten, rechtsoffene und besorgte Büger zu verunglückten Flüchtlingsbooten applaudieren und sich gleichartige Politiker Abschiebungen zum Geburtstag schenken. Keine Frage also, dass der Black Metal dieser Tage gewiss nicht mehr auf satanische Kulte angewiesen ist, denn die Hölle auf Erden erreicht uns jeden Tag aufs Neue. 
Eben jene nihilistische Energie bündeln Chambers für ihren düsteren Sound, der sich verteilt auf sechs Songs auf ihrem Debüt-Album "Depart//Disappear" ausbreitet. Nicht menschenverachtend, aber vielleicht als mahnende Dystopie zu verstehen, in der ein Miteinander mit so viel emotionaler Leere auf Dauer nicht gut gehen kann. Der melancholische Einstieg des Openers "Wretchedness" könnte fast über diesen Umstand hinwegtäuschen, zumindest solange, bis das Gekeife einsetzt. Was verteilt über den folgenden 33 Minuten folgt, ist ein a-puristischer Ritt durch morbiden Düster- und Post-Hardcore, der mit furiosem Black Metal-Geballere in die Sporen geht und durch post-rockige Soundscapes trabt. Zwischendurch gilt's den einen oder anderen Ausflug in den Blackgaze zu entdecken, wie z. B. in "End Transmission". Selbiger Song erinnert mich mit seinem morbide-brummenden Intro stark an den Score des Netflix-Films "Wolfsnächte" (solltet ihr euch mal geben, passt auch insgesamt ziemlich gut zum Thema hier).
Insgesamt ein tolles Album, das bislang leider nur digital erschienen ist, und eine klare Empfehlung für alle Schwarzmaler.


Band: Chambers

Titel/Release: Depart//Disappear/Album (Digital)

Label: DIY/Bandcamp

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Black Metal, Blackened Hardcore, Post-Hardcore

FFO: Der Weg Einer Freiheit, Hexis, Thurm

Links: Facebook\\//Bandcamp\\//Youtube\\//Instagram\\//Bigcartel




Stream & Buy Digitally "Depart//Disappear"



Freitag, November 2

Schelm - Ein bisschen mehr...



Kurzinfo:

Mensch könnte auch meinen, dass eine Platte, die es bereits in den Vertrieb von Saturn, Mediamarkt, Weltbild & Co. geschafft hat, normaler Weise schon zwei Ligen zu hoch spielt für unsere kleinen Blogseiten. Dabei läuft bei der schweizer Band Schelm noch vieles in Eigenverantwortung ab. Nach der Split-EP mit Die Braunen Raketen im Jahr 2016 und einer Deutschland-Tour, veröffentlichte das Baseler Quartett nun auch sein Debüt-Album "Ein bisschen mehr..." in Eigenregie. Die Aufnahme und Produktion lief abermals im heimischen Proberaum ab, den Mix und Master übernahm Nico Vetter (prettylivesessions, Lygo, uvm.), der sich ja Gerüchten zufolge mit solch einen D.I.Y.-Kram ganz gut auskennen soll.
Mit ihrem Clip zur Vorab-Single "Schallalala" hatten wir die Band bereits auf dem Schirm und sie vor allem Fans ehemaliger Muff Potter nahegelegt. Daran hat sich im Grunde auch auf Albumlänge nichts geändert. Angeführt vom stark eintrudelnden "Mühlen", knallen uns die Schweizer zehn emotionale und eingängige Songs vor den Latz, die sich strikt im Spannungsfeld zwischen Emo- und Indie-Punk bewegen. Naja, ausgenommen der Song "Nein sagt schon sollen wir", der mit viel Wohlwollen auch im Deutschpunk verortet werden könnte, wenn mensch die Band dort unbedingt sehen möchte. Das aber nur als Randnotiz, denn insgesamt besticht das Album vor allem durch seine intensiven bis erschöpfenden Gefühlsschwankungen, die fast im Alleingang von Sänger Fabian's wechselnden melancholischen Gesang und Reibeisengedresche hervorgerufen werden. Erstgenantes kann bisweilen bekanntlich auch ziemlich unangenehm werden, etwaige Beispiele kann sich jede/r selbst aus dem deutschsprachige Mainstreamsektor heraussuchen. So ist das nunmal: wo persönliche Texte, da eben auch Melancholie. Doch zum Glück versickern Schelm selbst mit ihrer Quasi-Ballade "Wofür du brennst" nicht all zu tief im seichten Pop. Das ist gut. Es wäre ja auch ein Jammer, dieses tolle Kehlchen für belanglosen Mainstreamkitsch zu verschwenden, wie es die Fronttypen von AnnenMayKantereit oder Jupiter Jones ja gerne machen.


Band: Schelm

Titel/Release: Ein bisschen mehr.../Album (50x Ltd. Numbered Black Vinyl Edition w/ Screenprint from Dani Mahrer; Regular Black Vinyl Edition; Digital)

Label: Sportklub Rotter Damm (Digital)

Erscheinungsjahr: 2018

Genre: Emo-Punk, Emo-Pop, Indie-Punk

FFO: Muff Potter, Jupiter Jones, Matula

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Jahres-Sampler